Eigenwerte
Aus: Niklas Luhmann - ↳Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main1992, S. 311f.
Während die klassische Logik vom Satz der Identität ausging, weil er im Axiomengerüst dieser Logik unentbehrlich zu sein schien, kann man heute fragen: wie wird Identität produziert (oder mit Heinz von Foerster: errechnet)? Offenbar kommt es zu Identifikationen nur unter zwei Voraussetzungen. Die eine besteht im Weglassen von Unterschieden, etwa solchen der räumlichen oder zeitlichen Lokalisierung. Ohne Abstraktion (und zwar nicht: Abstraktion von anderen Objekten, sondern Abstraktion von Unterschieden!) gibt es keine Identität. Die zweite Voraussetzung liegt im Gelingen einer rekursiven Produktion von »Eigenwerten«. Identität muß, mit anderen Worten, am schon Identifizierten identifiziert werden. Die Wiederholung der Operation des Identifizierens (trotz eines immer kühneren Weglassens von Unterschieden) muß gelingen, muß das für identisch Gehaltene kondensieren können. Und anders als in der Mathematik muß dies rekursive Testen mit anderen Operationen in veränderten Konstellationen aber im selben System erfolgen, sie muß also trotz Kontextvariationen konfirmiert werden können. Auf diese Weise errechnet das System seine »Eigenwerte« und identifiziert Identität als Zeichen für solche Eigenwerte, und über Eigenwerte kann es dann Eigenverhalten organisieren.
Grafik: Ausschnitt aus ↳”Geek Graffiti” von flickr-User ↳Ben Cumming mit ↳cc-Lizenz. Danke!
#Luhmann #systemtheorie
Netzfundstück: “Sociale systemer på gamle medier” (2008).
Foto von ↳Christian Lauersen (aka. Fasan Foto Inc.). Danke!
Luhmann lesen. Ein Vorschlag.
“Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe? Verständlich ohne jede Vorbereitung, ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns?” (Niklas Luhmann)
“Labyrinthisch, unverständlich, anstrengend.” Mit einer gewissen Regelmäßigkeit lassen sich Beschreibungen wie diese nach dem Erstkontakt mit den Schriften Niklas Luhmanns beobachten. Bücher wie “Soziale Systeme” oder “Die Gesellschaft der Gesellschaft” dürften zu den meistgekauften und am wenigsten vollständig gelesenen Büchern¹ zählen. Natürlich zu Unrecht. In persönlichen Gesprächen mit Lesern, die nicht resignieren, begegnet mir regelmäßig die Frage “Wie beginne ich eine systematische Luhmann-Lektüre?” Da sie auch immer häufiger in digitaler Form gestellt wird, soll dieser kurze Artikel eine entsprechende Antwort geben - aus der Position eines immanenten Beobachters, versteht sich.
Der vermutlich gängigste Satz in Einführungen in das Theoriewerk Luhmanns lautet sinngemäß: Dieses Buch wird die Lektüre der Originaltexte nicht ersetzen können. Es folgen dann für gewöhnlich die unterschiedlichsten Rechtfertigungen für den Umstand, dass diese eine Einführung nun doch noch geschrieben werden musste. Die signifikant gestiegenen Verkaufszahlen von Einführungsliteratur (nicht nur für Systemtheoretisches) unterstreichen den offensichtlichen Bedarf nach Reduktion (Korrelationen mit der Neustrukturierung der Universitäten nicht ausgeschlossen) und lassen zusätzliche motivierende Faktoren erahnen, die dann aber vermutlich im Wirtschaftssystem codiert sind.
Wenn die Frage lautet, wie die Luhmann-Lektüre begonnen werden kann, müsste der konsequente Ratschlag lauten: ↳”Soziale Systeme” lesen (dies war übrigens auch mein erster Zugang - der mich zugebenermaßen einige Nerven kostete und mein Durchhaltevermögen auf eine harte Probe stellte. Glücklicherweise waren Faszination und Herausforderung durch das waghalsige Projekt einer Universaltheorie größer als die Widerstände gegen die Lektürearbeit). Luhmann selbst bezeichnete “Soziale Systeme” im Untertitel als “Grundriß einer allgemeinen Theorie” und in einem Interview mit Rainer Erd und Andrea Maihofer alle vorherigen Publikationen als “Null-Serie der Theorieproduktion”. Ausgestattet mit einem umfangreichen Index ist “Soziale Systeme” für mich auch heute häufig die erste Wahl, wenn es gilt, einzelne Begriffe oder Details nachzulesen.
Trotzdem gibt es empfehlenswerte Begleitlektüre für die Reise ins Land der Theorie autopoietischer Systeme.² In Anbetracht Luhmanns enormer Produktivität (geschätzte 14000 Druckseiten allein auf Basis der Erstpubikationen - nicht zufällig lautete der Titel der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag “Theorie als Passion”…), dem häufig als labyrinthisch empfundenen Design seiner Theorie und seiner eigensinnigen Sprache kann ich den Wunsch nach Komplexitätsreduktion durchaus nachvollziehen. Zwei Einführungen halte ich dabei für hinreichend geeignet: ↳”GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme” von Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi und Elena Esposito sowie ↳”Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme” von Georg Kneer und Armin Nassehi. Das erstgenannte Buch ist dabei mein absoluter Favorit und ungemein hilfreich. Das Glossar akzeptiert die Zirkularität Luhmanns Theorie und verabschiedet sich konsequent von einem linearen Aufbau. Statt dessen bietet es einen gedruckten Hypertext: In über 60 prägnanten Artikeln gelingt den Autoren die Skizze der zentralen Begriffe von “Soziale Systeme” (zum Beispiel Autopoiesis, Form/Medium, Sinn und viele mehr) - eine Konzeption, die das GLU zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk macht. Darüber hinaus bieten die Autoren dem Leser unterschiedliche “Lesewege” durch ihr Buch an, abhängig vom primären Erkenntnisinteresse (beispielsweise Gesellschaftstheorie, allgemeine Systemtheorie, Grundbegriffe etc.). Das umfangreiche Verweissystem innerhalb der Artikel ermöglicht nicht zuletzt selbstgewählte Sinnselektionen. Zusammenfassend: Ein unverzichtbares Arbeitsbuch für jeden Luhmann-Leser.
Das zweite Buch, das ich unter dem Etikett “Einführung” empfehlen kann, ist besagtes von Kneer/Nassehi. Hier wird im Gegenteil zum GLU ein sehr linearer Pfad verfolgt, der aber (vorallem im Gegensatz zu anderen Einführungen) durch eine solide Basis (“Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma” beginnt bei Hegel und skizziert über von Bertalanffy, Parsons, die Kybernetiker und dann insbesondere Maturana/Varela den Weg zu Luhmann) und eine klare Sprache überzeugen kann. In der Folge legen die Autoren die Schwerpunkte ihrer Einführung auf eine verständliche Erläuterung zur Theorie sozialer Systeme und zur Theorie der Gesellschaft. Beiden hier vorgestellten Büchern ist gemein, dass sie die Verknappungen Luhmanns Theorie auf ein der Sache angemessenes Maß beschränken.
Ein dritter und letzter Weg eröffnet sich dem interessierten Leser dank der ↳Vorlesungstranskriptionen Dirk Baeckers. Es handelt sich um die verschriftlichte Form der im Wintersemster 1991/92 an der Uni Bielefeld gehaltenen Vorlesung “Einführung in die Systemtheorie”. Im Vorwort merkt der Herausgeber an, dass Luhmann dabei auch “mit Hörern rechnete, die zum ersten Mal mit der Materie konfrontiert wurden”. Insofern bietet der Band (den Luhmann selbst vermutlich nie publiziert hätte, ebd.) gewissermaßen die einmalige Gelegenheit, mit Luhmann selbst den Luhmann-Einstieg zu wagen. Ein besondereres Erlebnis garantiert übrigens die Kopplung mit dem Audiomitschnitt der Vorlesung, der beim Carl-Auer-Verlag in Form von ↳mp3-Dateien zu erwerben ist: Das gleichzeitige Lesen und Hören Luhmanns ermöglicht die vielleicht unmittelbarste Auseinandersetzung - zumindest für jene angehenden Systemtheoretiker, die wie ich nicht das Glück hatten, Niklas Luhmann während seiner Tätigkeit in Bielefeld live erleben zu können.
Eine letzte abschließende Anekdote. Ein von mir außerordentlich geschätzter Dozent ermutigte mich sinngemäß wie folgt während der Lektüre von “Soziale Systeme”: “Die ersten 400 Seiten sind hart, dann macht langsam alles Sinn. Und nach der Lektüre ist nichts mehr wie vorher.” Er sollte Recht behalten.
¹ Vermutlich nicht nur in den Regalen von Studierenden…
² Oder, um in einem Bild zu bleiben, das Luhmann selbst gebrauchte: Beim Flug über den Wolken gibt es hier und da auch die Möglichkeit mit dem Tower oder anderen Piloten zu kommunizieren.
#Systemtheorie #Bücher #Luhmann1522 Klicks sind definitiv zu wenig.
Niklas Luhmann: “Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen?” (Ausschnitt)
[Edit, 14. Aug., 12h : Heute meldet YouTube 1572 Aufrufe - d.h. +50 Klicks seit gestern. Ob das mit diesem Post zusammenhängt, sei einmal dahingestellt. Aber zumindest suggeriert das dieser Zusatz.]
Complexity Map (↳via).
“Märkte sind dumm, ungerecht und moralfrei…”
Der Kapitalismus ist, so betrachtet, nicht Problem, sondern Lösung – wenn auch eine Lösung, die neue Probleme schafft.↳Fritz B. Simon hat in der FAZ-Reihe zur “Zukunft des Kapitalismus” einen ↳sehr lesenswerten Artikel geschrieben, der die systemtheoretischen Beobachtungen des Wirtschaftssystems im Rahmen einer Tageszeitungen angemessenen Komplexität zusammenfasst. Das metaphorische Fazit zur rezenten Krise:
Um zu der Metapher, mit der wir unsere Überlegungen begonnen haben, zurückzukommen: Die Wirtschaft ist das Boot, in dem wir alle sitzen. Deswegen müssen wir auch die Löcher stopfen, die seinen Untergang zur Folge hätten. Aber die Sinnfrage: Wohin wollen wir mit diesem Kahn fahren? – oder realistischer: Wo wollen wir auf keinen Fall landen? – muss öffentlich diskutiert und politisch entschieden werden. Dabei sollten wir uns darüber klar sein, dass Boote, die nicht gesteuert werden, an Ufer getrieben werden können, die man lieber nie entdeckt hätte.#Systemtheorie #Kapitalismus
Selbstreferenz, Fremdreferenz und kauzige Irre
Gestern Abend hörte ich den Vortrag einen Mitschnitt des Vortrags »”Alteuropa” und “Der Soziologe” - Wie verhält sich Niklas Luhmanns Theorie zur philosophischen Tradition?« von Hans Ulrich Gumbrecht.¹
Gumbrecht entwickelt auf kurzweilige Art und Weise eine Skizze der Luhmann’schen Selbst- und Fremdreferenzen, die (wie sollte es anders sein?) in hohem Maße von der Beobachterposition des Vortragenden und seinen eigenen Unterscheidungen geprägt ist; diese Überlegungen ergeben dabei aber eine interessante Konstruktion: Gumbrechts Fremdreferenz auf Luhmanns Fremdreferenz, die nach Gumbrecht insgeheim eine (“schräge”) Selbstreferenz Luhmanns ist. Eine kurze Passage, in der Verweise auf andere Theoretiker in Luhmanns Werk thematisiert werden:
Etwas ähnliches geschieht drittens, wenn Luhmann andere Theorieautoren zitiert. Er zitiert ja andere Theorieautoren immer ohne weitere Einführung, so dass man als Leser permanent ein schlechtes Gewissen hat, weil man normalerweise diese Theorieautoren nicht kennt. Also er fängt dann an, sagt: “Spencer Brown sagt…” - Spencer Brown? Keine Ahnung. Aber der Fall ist eigentlich, dass Gotthard Günther, auf den Luhmann immer wieder kanonisch verweist als den Erfinder der dreiwertigen Logik, also auf Nachfrage bei meinen philosophischen Kollegen keinerlei Rolle in der Geschichte der Logik des 20. Jahrhunderts spielt. Dass Humberto Maturana, “der große Biologe der Vision” in Luhmanns Büchern, also ganz bestimmt kein Kandidat für einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis je war, nicht einmal für einen chilenischen Nationalpreis. Dass Fritz Heider, auf den Luhmann immer wieder verweist, einzig und allein der Autor eines einzigen Aufsatzes zum Begriff der Form, übrigens aus dem Jahr 1926, ist. Dass Heinz von Foerster ein sympathischer, kauziger, emeritierter Ingenieurswissenschaftler ist. Und ich möchte auch noch darauf hinweisen, dass meine Kollegen im Department of Mathematics in Stanford George Spencer Brown, und ich übertreibe nicht, mit Verlaub für einen armen Irren halten. Für einen armen Irren der Mathematik. Obwohl ich gehört habe, dass alle Soziologieinstitute in Deutschland, die auf sich halten, mindestens einen Spencer Brown-Spezialisten bezahlen.So fragt man sich also am Ende, ob nicht all diese Fremdreferenzen auf vermeintliche Theorieautoritäten Permutationen des Namens Niklas Luhmann sind.
Der Vortrag ist ebenso unterhaltsam wie empfehlenswert (allein unter humoristischen Gesichtspunkten). Ansonsten gilt: Alles nicht zu ernst nehmen.
¹ In: Stephan Krass (Hg.): Niklas Luhmann — Beobachtungen der Moderne. CD in der Reihe “Freiburger Reden—Denker auf der Bühne.” Edition SWR2. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag) 2000. #Luhmann #Systemtheorie
Seltsame Schleifen
Mein systemisch-konstruktivistisches Weblog ↳”seltsame-schleifen.com” liegt offensichtlich in einem sommerlichen Dornröschenschlaf. Es gibt leider gerade (zu) viel zu tun und die Arbeit am Blog erfordert Passion und disponible Zeit gleichermaßen; an letzterem mangelt es momentan leider.
Trotzdem habe ich heute seit längerer Zeit mal wieder die von ↳”Google Analytics” aggregierten Daten in Augenschein genommen und war in zwei Aspekten positiv überrascht: Zum einen gibt es trotz der Sendepause einen kontinuierlichen Besucherstrom (über die im Durchschnitt 40 Besucher/Tag im letzten Monat mögen manche Blogger nur müde lächeln; in Anbetracht der sehr speziellen Thematik der “Seltsamen Schleifen” und des rezenten Mangels an neuen Artikeln macht mich die Zahl sehr zufrieden. Ich hatte mit weniger Lesern gerechnet).
Zum anderen überraschte mich die Tatsache, dass viele Besucher verhältnismäßig lange auf den unterschiedlichen Blogseiten verweilen (was ich einfach wohlwollend als Bestätigung des Credos von Qualität statt Quantität betrachte). Besonders interessant für mich ist dabei die Teilgruppe der Besucher, die über Suchmaschinen den Weg auf mein Blog gefunden haben, denn diese Analyse ermöglicht Rückschlüsse auf die Interessenlagen meiner Leser. Folgende Suchanfragen bescherten dem Blog in den letzten 30 Tagen Besucher mit einer Verweildauer zwischen 30 und 10 Minuten:
- paradoxe fragen
- paradoxie der rueckbezueglichkeit
- luhmann takt und zensur im erziehungssystem
- wir sehen nicht, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen luhmann
- double-bind kommunikation
- luhmann pädagogik
- luhmann das medium der kunst
- laufende beobachtungen blog
- paradoxie selbstreferenz
- medium umwelt system
- paradoxien schule
- symbolisch generalisierte kommunikationsmedien des erziehungssystems
- paradoxie des geldes dirk baecker
- differenzmethode spencer brown
Ich danke allen Besuchern für ihr Interesse und verspreche die Arbeit am Blog wieder aufzunehmen, sobald eine kontinuierliche Veröffentlichung zeitlich möglich ist.
#Systemtheorie #Alltag beobachten





