live/nicht-live?
Eine Notiz zu Arnes sehr lesenswerten (und im besten Sinne des Wortes) irritierenden ↳Bericht zur Transmediale. Dort kommentiert, hier archiviert:
Warum die Unterscheidung »live/nicht-live« keine angemessene ist.
Oder anders gesagt: warum es nicht verwunderlich ist, dass durch ihre Anwendung Unsinn generiert wird (und das scheint mir die tiefere Lehre der ambitionierteren Vorträge im Rahmen des Transmediale-Programms gewesen zu sein). Man kann »live« nämlich von »Stuhl«, »Zen« oder »grün« unterscheiden, denn die sind allesamt »nicht-live« (und somit nicht »live«). Man kann so natürlich verfahren und damit wird die zugrundeliegende Paradoxie verschleiern. Das ist alltägliche Praxis und als solche benennt Arne sie explizit (»Und zwar wird dabei eine ganze Menge mehr nicht beobachtet, als beobachtet wird«). Was resultiert, wenn man also »nicht-live« in diesem Sinne als Negation benutzt? Ist es verwunderlich, wenn in Folge des Unterscheidungsgebrauchs Situationen generiert (!) werden, die halt besonders »live« sind (egal ob im Flurgespräch, Fußballstadion, Opernhaus oder Jazzclub) – und bei den übrigen Situationen Unklarheit und Ratlosigkeit herrscht? Das Treffen der Unterscheidung erzeugt die Form, das Beobachtete ist Resultat des Beobachters (der hier mit dem Treffen der Unterscheidung identifiziert, d.h. »verwechselt« wird). Und dann drängt sich die Frage auf, ob das alles so neu ist; ob das nicht so oder ähnlich auch immer schon problematisiert worden ist (man denke an den wegen der Einführung der Schrift besorgten Sokrates aus Platons Phaidros). Nochmal anders: Ist die Unterscheidung von »live/nicht-live« bzw. »live/pre-recorded« nicht möglicherweise ein Anwendungsfall einer allgemeineren Unterscheidung? Wie könnte diese aussehen?
Tja – da bin ich mit meinem Latein am Ende. Zuerst dachte ich an »Instantan/Sequenziell« (ist aber natürlich irreführend, weil auch Interaktion Sequenzialität erfordert), eben an »Anwesend/Abwesend« (wenn ich dich nachher anrufe – ist das nicht »live«? Oder bist du dann etwa »anwesend«?) oder »Zeitgleich/Unzeitgleich« (aber das mit Musikern zu diskutieren wäre sicherlich gefährlich) – kreist das Problem am Ende um die Differenz von »Interaktion/Dokument«? Das kann aber nur empirisch, das heisst unter Beobachtung von Beobachtungen und ihrer Ontogenese geklärt werden… oder?
Edit (11.02. 2011): Anschluss bei den ↳Netzpiloten und bei ↳Klaus Kusanowsky.
#Unterscheidung #NetzfundeDer Leviathan schlägt weiter Wellen
Oder: die Geister, die ich rief. Eine zweite Antwort auf Klaus Kusanowskys Replik »Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie«. Die erste Antwort findet sich ↳ hier. Mein ursprünglicher Artikel ↳ dort.»Allein unsere bisherige Vorstellung von der Wissenschaft hat eine Beherrschung absolut gemacht, die sonst relativ geblieben wäre.« - Bruno Latour
Der Leviathan, beziehungsweise seine Metapher, schiebt sich laufend vorweg: Wenn man Medienarchäologie betreibt, also das Referenzsystem umfassend ausflaggt, kann man die (mutmaßlich) richtige oder falsche Verwendungsweise von Vergleichen plausibilisieren - das macht die Sache nicht undurchsichtig, aber zeitaufwendig. Man kann auch schlicht und einfach merken, dass man von Unterschiedlichem spricht und die Unterscheidung löschen. Das aber nur am Rande.
Ich spule etwas zurück: »Denn die Strukturen vernetzter Computer erzeugen eine Unbestimmtheitsstelle, an der etwas geschieht, wovon man noch nicht weiß, wie es weiter gehen wird«, schreibt Klaus Kusanowsky im Beitrag »Die Katastrophe der Empirieform 1«. Dieser Umstand ist sicher nicht zu leugnen, seine Erkenntnis ist ebenso gewiß nicht sonderlich neu: das, was wir als »komplizierte Datenmengen« deklarieren ist vor allem in historischer Betrachtung eine hochgradig kontingente Angelegenheit. Für den federbekielten Mönch im mittelalterlichen Scriptorium würde es sich bei den laufenden Metern von Literaturbestand in einer durchschnittlichen Universitätsbibliothek wohl sehr wahrscheinlich um eine ebenso »komplizierte Datenmenge« gehandelt haben wie für den rezent-ratlosen wissenschaftlichen Betrachter des Internets. Die Parallelisierung von Medienrevolutionen führt dann m.E. zu dem Schluß, dass folgendes Zitat auch für Bücher gelten muss: Sie »[…] rechnen sie mit, das heißt, als unverzichtbare Umweltbedingung verändern sie die Resultate der Kommunikation auf eine Art und Weise, die in der Kommunikation von der Kommunikation weiterverwendet werden müssen« (Kusanowsky). Die Frage läuft also auf den vielfach prognostizierten Austausch des Beobachtungsschemas hinaus, egal ob wir das Aufziehen der ersten Wolken nun als Katastrophe oder Dämonologie bezeichnen… (den vom Autor diagnostizierten »appellativen« Charakter meiner ↳ Breitenbach-Replik konnte ich übrigens immer noch nicht identifizieren).
Was bedeutet das für die Empirie? Die Erfindung der (hier: empirischen) Wissenschaft, bekanntermaßen Resultat dieser letzten, großen Katastrophe, basiert auf einem Gentlemen’s Agreement, das doxa, bislang als bloße »Meinung« verspottet, als Dispositiv von prinzipiell gleichrangigen Gewährsleuten gesellschaftsfähig macht – und somit Fakten schafft (vgl. die Rekonstruktion des bereits oben Zitierten am Beispiel von Robert Boyles berühmter Luftpumpe). Ob ein solches Beobachtungsschema oder ein Medium wie Wahrheit durch das Auftreten des Computers in die Mottenkiste gehören oder nicht doch in neue Formen inkorporiert werden wird (wie bei allen vorangegangenen Medienrevolutionen auch), sei dahingestellt. »Disposition« ist nicht wertend, soviel ist Fakt. Das wollte ich übrigens auch Herrn Breitenbach mitteilen. »[A]uch ein Verhältnis von Selbst und Welt – wie auch immer man es auffassen wollte – wird sich performativ Musealisieren lassen müssen.« Transzendentes Ideenschauen oder Deduktion von Gott sind ja auch nicht mehr en vogue… Als eine »Zumutung« würde ich das übrigens nur in jenem Maße bezeichnen wollen, in dem auch jeder kommunikative Akt per se als Zumutung begriffen werden kann. Ansonsten ist das genau mein Punkt, ja. Schön gesagt.
Obligates Postscriptum: Wir sollten bei all den Überlegungen nicht vergessen, dass mit dem Rekurs auf Wahrheit (bzw. Überprüfbarkeit) nur ein extrem begrenzter und idiosynkratischer Auschnitt alltäglicher Kommunikation Gegenstand der Beobachtung ist: nämlich Wissenschaft (bzw. und unter besonderen Umständen: Journalismus). Und am lautesten soll man ja immer über sich selbst lachen können.
#Medium #NetzfundeMacht’s gut und danke für den Leviathan
Eine Antwort auf den F.A.Z.-Blogs-Gastbeitrag »Das Internet, ein konstruierter Leviathan?« von Patrick Breitenbach vom 01.10. 2010.
Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die ↳ Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein. Geschenkt. Auch die Reduktionen auf wirtschaftlich bzw. machtpolitisch interpretierte Kritik (»Genau diese Leuchttürme sehen sich aber in ihrer Existenz bedroht«) am neuen Leitmedium ist mir an dieser Stelle egal - obwohl ich denke, dass solche Erklärungsversuche zu kurz greifen. Nach der Lektüre des Beitrags stellt sich mir vor allem die Frage, ob die fast beiläufige Behauptung des Autors haltbar ist, derzufolge wir die Maschinen lenkten – und nicht etwa die Maschinen uns.
Die zugespitzte Formulierung ist vermutlich eine implizite Replik auf kulturpessimistische und neuromystifizierende Artikel, die nahezu alltäglich abgespult werden (zuletzt und besonders unrühmlich: »Denken, wie das Netz es will« von Uwe Jean Häuser in DIE ZEIT 39 vom 23. September 2010, S. 26f., online) und in diesem Kontext sicher ein lobenswertes Unterfangen. Trotzdem (oder gerade deswegen): die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil. Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt, verbreitet meines Erachtens Unsinn. Man lässt dann nämlich unberücksichtigt, dass das Medium (für das Hard- und Software sowie Netzwerk zusammen gedacht werden muss – oder vielleicht noch grundsätzlicher und mit McLuhan: Elektrizität) für die Mehrheit der Nutzer opak bleibt. Das beginnt bei der Architektur der Maschine, setzt sich bei Grammatik und Wortschatz von Programmiersprachen fort und endet nicht bei (potentiellen wie faktischen) sozialen Konsequenzen unreflektierter Nutzung digitaler Technologien. Der Computer bleibt für den Großteil seiner Nutzer eine black box.
Neben dieser ersten, recht schlichten Einsicht in die Unnachvollziehbarkeit der technisch-medialen Basis ist ein weiterer und gewichtigerer Aspekt zu bedenken: dass die Verwendung eines Hauptverbreitungsmediums unausweichlichen Folgen für Struktur und Kultur der Gesellschaft hat (Dirk Baecker). Und unausweichliche Folgen für Kommunikation, Erkennen und Denken seiner Nutzer – Folgen, die als solche nicht wahrgenommen werden müssen, manchmal nicht wahrgenommen werden können. Kurz: Medien und ihr Gebrauch schreiben sich ein, in Historie, Epistemologie, Sinnbildung der Menschheit.
Was bedeutet das für den Artikel von Patrick Breitenbach, der Anlass zu dieser Replik ist? Die Reaktion auf kulturpessimistische und technikfeindliche Positionen sollte m.E. nicht in (zu) einfachen Antithesen bestehen; Begeisterung für ein »neues« Medium darf nicht mit einem tieferen Verständnis eben jenes Mediums verwechselt werden (»verwechselt« im Sinne Spencer Browns, der in seinen »Laws of Form« das Gleichheitszeichen als Verwechslung definiert). Wir sind mit technisch-medialen a prioris konfrontiert und täten gewiß gut daran, die Implikationen der Verwendung eines neuen Leitmediums für Gesellschaft zu reflektieren: also Normierungen von Informationsverarbeitung und ihrer Semantik; der nachhaltigen Formatierung des Sozialen (und als solches soll das umfassende Sozialsystem Gesellschaft verstanden sein). Vielleicht fehlt uns zum gegebenen Zeitpunkt einfach das begriffliche Instrumentarium, um diese Herausforderung zu denken? Muss das »neue« Medium daher immer und immer wieder von bereits etablierten Medien unterschieden werden, sich gegen diese behaupten oder gegen »Diskreditierungsversuche« (Breitenbach) zur Wehr setzen? Man ist versucht an Pubertät zu denken: Das neue Leitmedium hat offenkundig die Phase der Gegenabhängigkeit, wie man im Rückgriff auf die Sozialpsychologie und mit Michael Giesecke formulieren könnte, noch lange nicht verlassen. Noch einmal: Wir haben es hier nicht mit Determinismus zu tun oder linearen Abhängigkeiten. Das Internet ist schlicht und einfach noch nicht erwachsen. Seine Folgen für die Gesellschaft unabsehbar, aber gewiss.
Das Internet »bedroht die gesellschaftliche Ordnung und das kulturelle Niveau« tatsächlich – das ist aber weder »abgrundtief böse« noch ist es uneingeschränkt gut. Das ist zunächst einmal ein Faktum. Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. Jenseits der Binärlogik von Dämonisierung und Euphorie.
Grafik: Ausschnitt aus »Leviathan« von Roberto Padula.
#Netzfunde #medium
«Die Realität ist das, was man nicht erkennt, wenn man sie erkennt. Aber das heißt nun gerade nicht, daß es irgendwo in der Welt Sachverhalte gibt, die man nicht erkennen kann; und schon gar nicht in alter Weise, daß das Wesen der Natur geheim sei.»
(Niklas Luhmann: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität, in: ders: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, Wiesbaden (3. Aufl.) 2005, S. 31 - 57, hier: 47.)
«Wenn ich annehme, daß ich die einzige Realität bin, dann stellt sich heraus, daß ich nur die Vorstellung von jemand anders bin, der seinerseits annimt, daß er die einzige Realität ist. Natürlich läßt sich dieses Paradox leicht dadurch auflösen, daß man die Realität der Welt postuliert, in der wir alle so glücklich blühen und gedeihen.»
(Heinz von Foerster: Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten, in: ders.: Wissen und Gewissen, Versuch einer Brücke, Frankfurt/Main 1993, S. 211 - 232, hier S. 216.)
«Draw a distinction.»
(George Spencer Brown: Laws of Form, Portland/Oregon, limit. Aufl. 1994, S. 3.)
Das Originalfoto “↳reality exit” des Street Art-Aktivisten ↳Mobstr ist in seinem ↳flickr-Stream zu finden. Der Mann ist freundlich und seine Arbeiten großartig.
Show Media. [sic!]
Am 02.01. 2010 erscheint ein kollaboratives ↳”Slow Media Manifest”, auf das die Welt nicht gewartet hat. Gründe? Fehlanzeige. Eine Chronik.¹
Draw a distinction and create a universe.
Mit zunehmendem Abstand zum ersten Lesen des Manifests scheint sich für mich die diskursive Blase um ein neues (bzw. in den deutschen Sprachraum neu importiertes) Buzzword leider als eben solche zu erweisen: Vor allem Spannung an der Oberfläche. Medientheoretische bzw. -didaktische Gemeinplätze werden in modischer Manifest-Form unter neuem Label aggregiert, als “slow” bezeichnet und dann wird munter entlang einer neuen Unterscheidung operiert (“Medium x ist “slow” (d.h. “gut”), gdw. es Kriterium y erfüllt oder in Weise z gehandhabt wird.”): Anstatt sich einer kritischen Diskussion der eigenen Forderungen zu stellen, kaprizieren sich die drei AutorInnen darauf, im eigens eingerichteten Blog an zahlreichen Beispielen die Definition vorzuführen und zu deklinieren.
Die in diesem Beitrag formulierten Zweifel sollen einigen Kerngedanken einzelner Thesen des “Manifests” in keiner Weise ihre Berechtigung absprechen; Qualität beispielsweise ist für viele Funktionen von Medien eine zentrale Forderung (ob für Journalismus im System der Massenmedien, für die Programme der Wissenschaft etc. – kontextabhängig und relativ zum jeweiligen Medium und seiner Funktion). Ich frage mich nur, welche Funktion das Manifest selbst erfüllen soll, auf welches Problem es eine Antwort geben mag, kurz: wozu das alles?
Katálogos.
Dass es bei Veränderungen im Zuge des Wandels gesellschaftlicher Hauptverbreitungsmedien zu Irritationen kommt, ist bekannt. Dass Gesellschaften Wege finden müssen, mit diesen Herausforderungen umzugehen, sich auf sie “einzustellen”, ebenso. Und auch die Erkenntnis, dass Errungenschaften als Resultat der Beschäftigung mit und in vorangegangenen Medien nicht ad hoc über Bord geworfen werden, ist gleichermaßen sinnvoll wie offensichtlich (so wird Sprache nach gewissen Regeln benutzt – die zwar wandelbar sind, aber nie völlig aufgegeben werden). Das Schlagwort “slow media” als Alarmsignal, Gedächtnisstütze, normativ aufgeladenes Immunsystem? Ein heroisches Statement, das den mahnenden Zeigefinger nutzt – aber davor warnt? Ich halte den Versuch einer solchen normativen Katalogisierung für irreführend, wenn nicht sogar die bloße Möglichkeit für einen offensichtlichen Trugschluss.
Halbzeitstand: Es wurde eine arbiträre Unterscheidung eingeführt, durchdekliniert und (wie auch anders?) in der Praxis bestätigt gefunden. Natürlich lässt sich so arbeiten (und man kann dann ↳Luhmanns Zettelkasten, ein ↳Kochbuch oder ↳Steine in Bayern in die neue Kategorie ein- oder aussortieren). Ein Schritt nach hinten (eine neue Unterscheidung, die eben jene erste beobachtet) offenbart dann aber genau diese Arbitrarität. “slow” um der slowness Willen kann nicht die Antwort sein. Und absolute Qualität jenseits des jeweiligen medialen Kontextes auch nicht, oder? Ein straffer Anforderungskatalog oder eine normative Todo-Liste für Medien (-umgang) muss mit Blick auf mediale Evolution irritieren: Woher soll eine “medienübergreifende Kategorie zur Bewertung und Nutzung von Medien” genommen (und vor allem: wie soll sie kommuniziert) werden?
Was bleibt: Medienevolution oder “Intelligent Design?”
Die mutmaßliche Kategorie, ihre Forderung und die Formulierung der Forderung sind einem medialen a priori unterworfen, selbst nämlich immer schon medial. Die von den AutoInnen geforderte Universalkategorie muss diesen Umstand berücksichtigen, sonst wäre sie keine. Sondern nur eine Illusion. Oder ein Taschenspielertrick. Kommunikation um der Kommunikation willen (es lässt sich zweifellos kontrovers über das “Manifest” streiten – wenn es das Ziel war, einen Diskurs zu initiieren, eine Kontroverse zu starten, – okay. Das kann man machen und das System der Massenmedien liebt Konflikte. Der bleibt aber mit Blick auf die Form an der Oberfläche).
Noch einmal: Was rechtfertigt also die universale Kategorie?
Moral?²
Ontologie?³
Intelligent Design?
Nein. Gesellschaften (er-)finden Regeln, Ideen, Kategorien im Laufe der Nutzung neuer Medien (Co-Evolution) - sie nehmen sie nicht an, nicht weil sie ihnen diktiert werden.⁴ Motivation und Rechtfertigung sind nicht dasselbe: Ein Manifest verfassen zu wollen rechtfertigt noch lange nicht die einzelnen Forderungen. Massenmedialer Konflikt (bzw. “Diskurs”) ist mir zu wenig. Über Begründungen für die vermeintliche Universalkategorie lässt sich produktiv streiten; und diese Begründungen entscheiden für mich über Relevanz oder Irrelanz des Unterfangens als solches. Die VerfasserInnen des Manifests sehen das offenbar anders.
Anmerkungen
1 Es handelt sich bei diesem Artikel um eine Zusammenfassung meiner drei Kommentare in der ↳”Diskussion” des Manifests.
2 ↳“Es geht bei slow media aber zu nahezu 90% um Normatives.” - @furukama
3 Solche Anklänge sind laut SZ bei Elissa Altman in der Huffington Post zu vernehmen: “Schallplatte statt MP3, Brief statt E-Mail, Buch statt Kindle.” (vgl. ↳hier)
4 Zumindest sind mir für Sprache, Schrift oder Buchdruck keine entsprechenden Versuche bekannt…
Grafik: Ausschnitt aus ↳”Slow” von flickr-User ↳freefotouk mit ↳cc-Lizenz. Danke!
#Medium #Überschusssinn #Netzfunde #ComputergesellschaftKausalität
Ein kluger Mann versuchte einst, die wahre Natur der Wirklichkeit zu ergründen. Er meditierte täglich vor dem Zaun, der sein bescheidenes Anwesen umgab. Eine Holzlatte fehlte diesem Zaun, so dass ein Loch entstanden war; durch dieses Loch beobachtete der Mann häufig die grünen Weiden, die dahinter lagen. Tag für Tag passierte eine kleine Herde von Kühen dieses Loch im Zaun von rechts nach links, um zu ihren Weidegründen zu gelangen; und jeden Abend passierte dieselbe Herde das Loch von links nach rechts auf dem Weg zu ihrem Stall. Der kluge Mann sah dabei jeweils zuerst die Schnauze eines jeden Tieres, dann den Kopf, den Körper und schließlich den Schwanz. Eines Morgens sprang er auf, von einem tiefen Verständnis bewegt, und rief: “Die Nase verursacht den Schwanz!”
(Grafik: Ausschnitt aus “Fence” von smcgee, cc-Lizenz - danke!) #Netzfunde #ZenNeu-[Form]-ationen. Heute: Der Kongress.
Nach den ↳ letzten Erörterungen zu den Geschehnissen rund um die deutschsprachige Wikipedia habe ich begonnen, empirische Daten zur Herausbildung neuer Interaktions- und Organisationsformen im Zuge der Umstellung des gesellschaftlichen Hauptverbreitungsmediums zu suchen und zu archivieren. Dabei bin ich auf den ↳ spannenden Bericht ↳ Torsten Meyers zum ↳ Bundeskongress der Kunstpädagogik in Düsseldorf gestoßen: Dieser Artikel ist äußerst lesenswert, denn er berührt explizit die Frage nach einer angemessenen Form des wissenschaftlichen Kongresses. Ein (um einige Hyperlinks ergänzter) Ausschnitt aus meinem Kommentar (der gesamte Artikel findet sich ↳ hier):
Der bereits erwähnte ↳ Dirk Baecker skizziert in einem kurzen Beitrag (”Zurück zu den Sachen”, erscheinen in: ders.: ↳ Postheroisches Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 16 – 19, hier: 18f.) seine Idee des postheroischen Managements, “[…] das sein Heldentum nicht mehr in der Verfügung über Kapitalvermögen und einer Inszenierung entsprechender Risikobereitschaften und Verantwortungen sucht, sondern einen neuartigen Spürsinn für die sachlichen und sozialen Dimensionen der Organisation von Arbeit und der Verteilung von Verantwortlichkeit entwickelt, die damit einher geht. Das geht nur unheroisch, weil große Gesten nicht geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.”
Eine Übertragung auf die Kunstpädagogik (oder Wissenschaft im Allgemeinen) liegt nahe, denn Baecker zieht Wirtschaft nur als beispielhafte Anwendung heran: Grundsätzlich haben wir es mit Fragen nach der Organisation (also einem Spezialfall sozialer Systeme) zu tun. Kapitalvermögen lassen sich auch ↳ im Sinne Bourdieus lesen und an Inszenierungen zu denken, liegt bei der Rede vom ↳ Theaterdiskurs nahe. Die (system-)theoretischen Implikationen auszubreiten erscheint mir unnötig, der zentrale Punkt ist wohl folgender:
Gerade weil die klassischen Konferenzen mit ihren Heroen nicht mehr zeitgemäß erscheinen, sich gleichzeitig aber durch beeindruckende Resistenz gegen Irritationen auszeichnen, treten alternative Organisationsformen (eben sogenannte ↳ Unkonferenzen oder ↳ BarCamps) auf den Plan, die ohne die üblichen Teilnahmebedingungen (Einladungen, Mitgliedschaft in der entsprechenden Fachgesellschaft, Teilnahmegebühren etc.). In der Form der Organisation (genauer: auf Programmebene) wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass auf “undemokratische” kommunikative ↳ Einbahnstraßen (wie eben Vorträge ohne Partizipationsoption) weitgehend verzichtet wird – als Konsequenz der Tatsache, dass sie eben nicht “geeignet sind, andere zur Mitarbeit anzuregen.” In diesem Sinne ist man fast versucht zu raten: “Bildet ein, zwei, viele Bundeskongresse!” Oder weniger sloganhaft: Strukturen bleiben nur unverändert, wenn aktiv dafür gesorgt wird, dass sich nichts ändert. Wenn sich die Form nicht ändert, müssen neue gefunden werden. Für die Kunstpädagogik als solche heisst das wohl mit ↳ Fritz B. Simon: “Der Status quo bedarf immer der Erklärung!”
Post Scriptum: Inwiefern die Kommunikationen in den “Neuen Medien” Bedingung der Möglichkeit der Entwicklungen neuer Formen der Interaktion und Organisation darstellen (oder ob wenigstens bzw. überhaupt eine Korrelation besteht) ist eine weiterführende (und ungemein spannende) Frage. Die Vermutung liegt nahe.
Grafik: Ausschnitt aus “↳ one way sign” von flickr-User ↳ Coach O. ↳ CC-Lizenz. Danke! #Netzfunde
Sind wir Zeugen der Ausdifferenzierung eines neuen Funktionssystems?
Diese Frage kann man sich nach der Lektüre von Stefans lesenswertem ↳ Artikel über fehlende externe Selektionsmechanismen der Wikipedia nicht ganz unberechtigt stellen. Das erfordert aber insbesondere die Herausbildung eines exklusiven Codes und ggf. entsprechender Programme. Solche Fragen (und viele mehr) werden gerade angedacht in der anschließenden Diskussion. ↳ Mitmachen!
Tags: #Computergesellschaft #Hauptverbreitungsmedien #Code #Programme #Wikipedia #Selektion…
#Luhmann #Netzfunde #Computergesellschaft“Heidegger: Thinking the Unthinkable”
Neben den Dokumentationen über ↳Nietzsche und ↳Sartre der dritte Teil der BBC-Trilogie “Human, all too human” von 1999. Produzent und Direktor Jeff Morgan legt den Schwerpunkt seines Films nicht auf Heideggers Philosophie, sondern auf seine kontrovers diskutierte Biographie. Er beschreibt den intellektuellen Aufstieg und Heideggers passioniertes Engagement für das Nazi-Regime, während dessen er Mitglied der NSDAP wurde, sich nicht vor Denuziation seiner Kollegen scheute und Zeit seines Lebens keine öffentliche Distanzierung formulierte. Die BBC-Dokumentation ist aus philosophischer Warte (wie fast zu erwarten war) kein Gewinn, aus historischer Perspektive dafür um so mehr.
Quaternio Terminorum
Wikipedia schreibt zum syllogistischen ↳Fehlschluss:Im kategorischen Syllogismus müssen genau drei verschiedene Begriffe vorkommen, jeder zweimal:
▪ Im Obersatz (= erste Prämisse) Prädikat und Mittelbegriff
▪ Im Untersatz (= zweite Prämisse) Subjekt und Mittelbegriff
▪ Im Schlusssatz (= Konklusion) Subjekt und Prädikat.
Wird diese Regel verletzt, ist ein Fehlschluss die Folge.
↳Arne schreibt zur Derealisierungsangst:
Oder um-form-uliert:
Alte Unterscheidung/Obersatz: Fiktion(alität) ist Gegenbegriff zu Realität
Neue Unterscheidung/Untersatz: Virtualität ist Gegenbegriff zu Realität
Ergo/Conclusio: Virtualität ist Fiktion(alität).
Noch einmal die Wikipedia:
Quaternio-Terminorum-Fehlschlüsse beruhen oft auf der Homonymie zweier Begriffe, wie in diesem antiken Beispiel:
Die vom Kranken eingenommene Arznei ist gut.
Je mehr Gutes man tut, desto besser ist es.
Daraus folgt: Man muss möglichst viel Arznei einnehmen.
Auch wenn zweiwertige Logik verrückt machen kann: Mit solchen Fehlschlüssen sollte nicht operiert werden. Danke für den Hinweis, Arne!
#Netzfunde“An unstable emphaty is a reactive environment constantly remediated in real-time by the mind activity of two players which are constantly forced to negotiate their emphatic state. it’s a collaborative game in which the meanings of cooperation, entangling and collective consciusness are directly perceived on the physiological level.”
↳ kinotek.org: “Kinotek Is An Attempt Of Emancipation From The Merely Instrumental Use Of Technologies And An Evolution Chance Through The Metabolising Process Between Nature And Culture.”
»Die Ehen werden im Himmel geschlossen, im Auto gehen sie auseinander. Denn derjenige, der am Steuer sitzt, richtet sich nach der Situation und fährt, wie er meint, auf Grund seines besten Könnens; aber der, der mitfährt und ihn beobachtet, fühlt sich durch die Fahrweise behandelt, führt sie auf Eigenschaften des Fahrers zurück. Er kann nur in einer Weise handeln, nämlich kommentieren und kritisieren; und es ist wenig wahrscheinlich, daß er dabei die Zustimmung des Fahrers findet.« (Luhmann, Liebe als Passion, S. 42.)
Grafik von ↳robordw. Danke!
Netzfundstück: “Sociale systemer på gamle medier” (2008).
Foto von ↳Christian Lauersen (aka. Fasan Foto Inc.). Danke!







