03. Oct, 2010

Der Leviathan schlägt weiter Wellen

Oder: die Geister, die ich rief. Eine zweite Antwort auf Klaus Kusanowskys Replik »Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie«. Die erste Antwort findet sich ↳ hier. Mein ursprünglicher Artikel ↳ dort.

Leviathan

»Allein unsere bisherige Vorstellung von der Wissenschaft hat eine Beherrschung absolut gemacht, die sonst relativ geblieben wäre.« - Bruno Latour

Der Leviathan, beziehungsweise seine Metapher, schiebt sich laufend vorweg: Wenn man Medienarchäologie betreibt, also das Referenzsystem umfassend ausflaggt, kann man die (mutmaßlich) richtige oder falsche Verwendungsweise von Vergleichen plausibilisieren - das macht die Sache nicht undurchsichtig, aber zeitaufwendig. Man kann auch schlicht und einfach merken, dass man von Unterschiedlichem spricht und die Unterscheidung löschen. Das aber nur am Rande.

Ich spule etwas zurück: »Denn die Strukturen vernetzter Computer erzeugen eine Unbestimmtheitsstelle, an der etwas geschieht, wovon man noch nicht weiß, wie es weiter gehen wird«, schreibt Klaus Kusanowsky im Beitrag »Die Katastrophe der Empirieform 1«. Dieser Umstand ist sicher nicht zu leugnen, seine Erkenntnis ist ebenso gewiß nicht sonderlich neu: das, was wir als »komplizierte Datenmengen« deklarieren ist vor allem in historischer Betrachtung eine hochgradig kontingente Angelegenheit. Für den federbekielten Mönch im mittelalterlichen Scriptorium würde es sich bei den laufenden Metern von Literaturbestand in einer durchschnittlichen Universitätsbibliothek wohl sehr wahrscheinlich um eine ebenso »komplizierte Datenmenge« gehandelt haben wie für den rezent-ratlosen wissenschaftlichen Betrachter des Internets. Die Parallelisierung von Medienrevolutionen führt dann m.E. zu dem Schluß, dass folgendes Zitat auch für Bücher gelten muss: Sie »[…] rechnen sie mit, das heißt, als unverzichtbare Umweltbedingung verändern sie die Resultate der Kommunikation auf eine Art und Weise, die in der Kommunikation von der Kommunikation weiterverwendet werden müssen« (Kusanowsky). Die Frage läuft also auf den vielfach prognostizierten Austausch des Beobachtungsschemas hinaus, egal ob wir das Aufziehen der ersten Wolken nun als Katastrophe oder Dämonologie bezeichnen… (den vom Autor diagnostizierten »appellativen« Charakter meiner ↳ Breitenbach-Replik konnte ich übrigens immer noch nicht identifizieren).

Was bedeutet das für die Empirie? Die Erfindung der (hier: empirischen) Wissenschaft, bekanntermaßen Resultat dieser letzten, großen Katastrophe, basiert auf einem Gentlemen’s Agreement, das doxa, bislang als bloße »Meinung« verspottet, als Dispositiv von prinzipiell gleichrangigen Gewährsleuten gesellschaftsfähig macht – und somit Fakten schafft (vgl. die Rekonstruktion des bereits oben Zitierten am Beispiel von Robert Boyles berühmter Luftpumpe). Ob ein solches Beobachtungsschema oder ein Medium wie Wahrheit durch das Auftreten des Computers in die Mottenkiste gehören oder nicht doch in neue Formen inkorporiert werden wird (wie bei allen vorangegangenen Medienrevolutionen auch), sei dahingestellt. »Disposition« ist nicht wertend, soviel ist Fakt. Das wollte ich übrigens auch Herrn Breitenbach mitteilen. »[A]uch ein Verhältnis von Selbst und Welt – wie auch immer man es auffassen wollte – wird sich performativ Musealisieren lassen müssen.« Transzendentes Ideenschauen oder Deduktion von Gott sind ja auch nicht mehr en vogue… Als eine »Zumutung« würde ich das übrigens nur in jenem Maße bezeichnen wollen, in dem auch jeder kommunikative Akt per se als Zumutung begriffen werden kann. Ansonsten ist das genau mein Punkt, ja. Schön gesagt.

Obligates Postscriptum: Wir sollten bei all den Überlegungen nicht vergessen, dass mit dem Rekurs auf Wahrheit (bzw. Überprüfbarkeit) nur ein extrem begrenzter und idiosynkratischer Auschnitt alltäglicher Kommunikation Gegenstand der Beobachtung ist: nämlich Wissenschaft (bzw. und unter besonderen Umständen: Journalismus). Und am lautesten soll man ja immer über sich selbst lachen können.

#Medium #Netzfunde
02. Oct, 2010

Macht’s gut und danke für den Leviathan

Leviathan

Eine Antwort auf den F.A.Z.-Blogs-Gastbeitrag »Das Internet, ein konstruierter Leviathan?« von Patrick Breitenbach vom 01.10. 2010.

Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die ↳ Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein. Geschenkt. Auch die Reduktionen auf wirtschaftlich bzw. machtpolitisch interpretierte Kritik (»Genau diese Leuchttürme sehen sich aber in ihrer Existenz bedroht«) am neuen Leitmedium ist mir an dieser Stelle egal - obwohl ich denke, dass solche Erklärungsversuche zu kurz greifen. Nach der Lektüre des Beitrags stellt sich mir vor allem die Frage, ob die fast beiläufige Behauptung des Autors haltbar ist, derzufolge wir die Maschinen lenkten – und nicht etwa die Maschinen uns.

Die zugespitzte Formulierung ist vermutlich eine implizite Replik auf kulturpessimistische und neuromystifizierende Artikel, die nahezu alltäglich abgespult werden (zuletzt und besonders unrühmlich: »Denken, wie das Netz es will« von Uwe Jean Häuser in DIE ZEIT 39 vom 23. September 2010, S. 26f., online) und in diesem Kontext sicher ein lobenswertes Unterfangen. Trotzdem (oder gerade deswegen): die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil. Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt, verbreitet meines Erachtens Unsinn. Man lässt dann nämlich unberücksichtigt, dass das Medium (für das Hard- und Software sowie Netzwerk zusammen gedacht werden muss – oder vielleicht noch grundsätzlicher und mit McLuhan: Elektrizität) für die Mehrheit der Nutzer opak bleibt. Das beginnt bei der Architektur der Maschine, setzt sich bei Grammatik und Wortschatz von Programmiersprachen fort und endet nicht bei (potentiellen wie faktischen) sozialen Konsequenzen unreflektierter Nutzung digitaler Technologien. Der Computer bleibt für den Großteil seiner Nutzer eine black box.

Neben dieser ersten, recht schlichten Einsicht in die Unnachvollziehbarkeit der technisch-medialen Basis ist ein weiterer und gewichtigerer Aspekt zu bedenken: dass die Verwendung eines Hauptverbreitungsmediums unausweichlichen Folgen für Struktur und Kultur der Gesellschaft hat (Dirk Baecker). Und unausweichliche Folgen für Kommunikation, Erkennen und Denken seiner Nutzer – Folgen, die als solche nicht wahrgenommen werden müssen, manchmal nicht wahrgenommen werden können. Kurz: Medien und ihr Gebrauch schreiben sich ein, in Historie, Epistemologie, Sinnbildung der Menschheit.

Was bedeutet das für den Artikel von Patrick Breitenbach, der Anlass zu dieser Replik ist? Die Reaktion auf kulturpessimistische und technikfeindliche Positionen sollte m.E. nicht in (zu) einfachen Antithesen bestehen; Begeisterung für ein »neues« Medium darf nicht mit einem tieferen Verständnis eben jenes Mediums verwechselt werden (»verwechselt« im Sinne Spencer Browns, der in seinen »Laws of Form« das Gleichheitszeichen als Verwechslung definiert). Wir sind mit technisch-medialen a prioris konfrontiert und täten gewiß gut daran, die Implikationen der Verwendung eines neuen Leitmediums für Gesellschaft zu reflektieren: also Normierungen von Informationsverarbeitung und ihrer Semantik; der nachhaltigen Formatierung des Sozialen (und als solches soll das umfassende Sozialsystem Gesellschaft verstanden sein). Vielleicht fehlt uns zum gegebenen Zeitpunkt einfach das begriffliche Instrumentarium, um diese Herausforderung zu denken? Muss das »neue« Medium daher immer und immer wieder von bereits etablierten Medien unterschieden werden, sich gegen diese behaupten oder gegen »Diskreditierungsversuche« (Breitenbach) zur Wehr setzen? Man ist versucht an Pubertät zu denken: Das neue Leitmedium hat offenkundig die Phase der Gegenabhängigkeit, wie man im Rückgriff auf die Sozialpsychologie und mit Michael Giesecke formulieren könnte, noch lange nicht verlassen. Noch einmal: Wir haben es hier nicht mit Determinismus zu tun oder linearen Abhängigkeiten. Das Internet ist schlicht und einfach noch nicht erwachsen. Seine Folgen für die Gesellschaft unabsehbar, aber gewiss.

Das Internet »bedroht die gesellschaftliche Ordnung und das kulturelle Niveau« tatsächlich – das ist aber weder »abgrundtief böse« noch ist es uneingeschränkt gut. Das ist zunächst einmal ein Faktum. Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. Jenseits der Binärlogik von Dämonisierung und Euphorie.



Grafik: Ausschnitt aus »Leviathan« von Roberto Padula.

#Netzfunde #medium
12. Jan, 2010

Show Media. [sic!]

slow

Am 02.01. 2010 erscheint ein kollaboratives ↳”Slow Media Manifest”, auf das die Welt nicht gewartet hat. Gründe? Fehlanzeige. Eine Chronik.¹

Draw a distinction and create a universe.

Mit zunehmendem Abstand zum ersten Lesen des Manifests scheint sich für mich die diskursive Blase um ein neues (bzw. in den deutschen Sprachraum neu importiertes) Buzzword leider als eben solche zu erweisen: Vor allem Spannung an der Oberfläche. Medientheoretische bzw. -didaktische Gemeinplätze werden in modischer Manifest-Form unter neuem Label aggregiert, als “slow” bezeichnet und dann wird munter entlang einer neuen Unterscheidung operiert (“Medium x ist “slow” (d.h. “gut”), gdw. es Kriterium y erfüllt oder in Weise z gehandhabt wird.”): Anstatt sich einer kritischen Diskussion der eigenen Forderungen zu stellen, kaprizieren sich die drei AutorInnen darauf, im eigens eingerichteten Blog an zahlreichen Beispielen die Definition vorzuführen und zu deklinieren.
Die in diesem Beitrag formulierten Zweifel sollen einigen Kerngedanken einzelner Thesen des “Manifests” in keiner Weise ihre Berechtigung absprechen; Qualität beispielsweise ist für viele Funktionen von Medien eine zentrale Forderung (ob für Journalismus im System der Massenmedien, für die Programme der Wissenschaft etc. – kontextabhängig und relativ zum jeweiligen Medium und seiner Funktion). Ich frage mich nur, welche Funktion das Manifest selbst erfüllen soll, auf welches Problem es eine Antwort geben mag, kurz: wozu das alles?

Katálogos.

Dass es bei Veränderungen im Zuge des Wandels gesellschaftlicher Hauptverbreitungsmedien zu Irritationen kommt, ist bekannt. Dass Gesellschaften Wege finden müssen, mit diesen Herausforderungen umzugehen, sich auf sie “einzustellen”, ebenso. Und auch die Erkenntnis, dass Errungenschaften als Resultat der Beschäftigung mit und in vorangegangenen Medien nicht ad hoc über Bord geworfen werden, ist gleichermaßen sinnvoll wie offensichtlich (so wird Sprache nach gewissen Regeln benutzt – die zwar wandelbar sind, aber nie völlig aufgegeben werden). Das Schlagwort “slow media” als Alarmsignal, Gedächtnisstütze, normativ aufgeladenes Immunsystem? Ein heroisches Statement, das den mahnenden Zeigefinger nutzt – aber davor warnt? Ich halte den Versuch einer solchen normativen Katalogisierung für irreführend, wenn nicht sogar die bloße Möglichkeit für einen offensichtlichen Trugschluss.
Halbzeitstand: Es wurde eine arbiträre Unterscheidung eingeführt, durchdekliniert und (wie auch anders?) in der Praxis bestätigt gefunden. Natürlich lässt sich so arbeiten (und man kann dann ↳Luhmanns Zettelkasten, ein ↳Kochbuch oder ↳Steine in Bayern in die neue Kategorie ein- oder aussortieren). Ein Schritt nach hinten (eine neue Unterscheidung, die eben jene erste beobachtet) offenbart dann aber genau diese Arbitrarität. “slow” um der slowness Willen kann nicht die Antwort sein. Und absolute Qualität jenseits des jeweiligen medialen Kontextes auch nicht, oder? Ein straffer Anforderungskatalog oder eine normative Todo-Liste für Medien (-umgang) muss mit Blick auf mediale Evolution irritieren: Woher soll eine “medienübergreifende Kategorie zur Bewertung und Nutzung von Medien” genommen (und vor allem: wie soll sie kommuniziert) werden?

Was bleibt: Medienevolution oder “Intelligent Design?”

Die mutmaßliche Kategorie, ihre Forderung und die Formulierung der Forderung sind einem medialen a priori unterworfen, selbst nämlich immer schon medial. Die von den AutoInnen geforderte Universalkategorie muss diesen Umstand berücksichtigen, sonst wäre sie keine. Sondern nur eine Illusion. Oder ein Taschenspielertrick. Kommunikation um der Kommunikation willen (es lässt sich zweifellos kontrovers über das “Manifest” streiten – wenn es das Ziel war, einen Diskurs zu initiieren, eine Kontroverse zu starten, – okay. Das kann man machen und das System der Massenmedien liebt Konflikte. Der bleibt aber mit Blick auf die Form an der Oberfläche).
Noch einmal: Was rechtfertigt also die universale Kategorie?
Moral?²
Ontologie?³
Intelligent Design?
Nein. Gesellschaften (er-)finden Regeln, Ideen, Kategorien im Laufe der Nutzung neuer Medien (Co-Evolution) - sie nehmen sie nicht an, nicht weil sie ihnen diktiert werden.⁴ Motivation und Rechtfertigung sind nicht dasselbe: Ein Manifest verfassen zu wollen rechtfertigt noch lange nicht die einzelnen Forderungen. Massenmedialer Konflikt (bzw. “Diskurs”) ist mir zu wenig. Über Begründungen für die vermeintliche Universalkategorie lässt sich produktiv streiten; und diese Begründungen entscheiden für mich über Relevanz oder Irrelanz des Unterfangens als solches. Die VerfasserInnen des Manifests sehen das offenbar anders.


Anmerkungen

1 Es handelt sich bei diesem Artikel um eine Zusammenfassung meiner drei Kommentare in der ↳”Diskussion” des Manifests.

2 ↳“Es geht bei slow media aber zu nahezu 90% um Normatives.” - @furukama

3 Solche Anklänge sind laut SZ bei Elissa Altman in der Huffington Post zu vernehmen: “Schallplatte statt MP3, Brief statt E-Mail, Buch statt Kindle.” (vgl. ↳hier)

4 Zumindest sind mir für Sprache, Schrift oder Buchdruck keine entsprechenden Versuche bekannt…

Grafik: Ausschnitt aus ↳”Slow” von flickr-User ↳freefotouk mit ↳cc-Lizenz. Danke!

#Medium #Überschusssinn #Netzfunde #Computergesellschaft