13. Apr, 2012

»Unter allen psychischen Unsicherheiten, die zur Entstehungsursache des Gefühls des Unheimlichen werden können, ist es ganz besonders eine, […] nämlich der Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei, und zwar auch dann, wenn dieser Zweifel sich nur undeutlich im Bewusstsein bemerklich macht. […] Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkung durch Erzählungen hervorzurufen, beruht nun darauf, dass man den Leser im Ungewissen darüber lässt, ob er in einer bestimmten Figur eine Person oder etwa einen Automaten vor sich habe, und zwar so, dass diese Unsicherheit nicht direct in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt, damit er nicht veranlasst werde, die Sache sofort zu untersuchen und klarzustellen, da hierdurch, wie gesagt, die besondere Gefühlwirkung leicht verchwindet.«

Ernst Jentsch: Zur Psychologie des Unheimlichen, in: Psychatrisch-Neurologische Wochenschrift Nr. 22, 25. August 1906, S. 195 – 205. PDF online (13.04. 2012).

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03. Apr, 2012

»Doch ist von der ›Maschine‹ nicht im metaphorischen Sinn die Rede: der Mensch ist eine Maschine von dem Augenblick an, da dieser Charakter dem Komplex dem er unter genau bestimmbaren Bedingungen angehört, per Rekursion übermittelt wird. Der Komplex Mensch-Pferd-Bogen stellt eine nomadische Kriegsmaschine unter Bedingungen der Steppe dar. Die Menschen bilden eine Arbeitsmaschine unter den bürokratischen Bedingungen der großen Reiche. Der griechische Hoplite bildet mit seinen Waffen eine Maschine unter den Bedingungen der Phalanx. Und unter den gefahrvollen Bedingungen von Liebe und Tod bildet der Tänzer mit der Tanzfläche eine Maschine …«

Gilles Deleuze, Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/Main 1977, S. 498.

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