Verständlichkeit
»Wer überhaupt spricht oder schreibt, sollte sich verständlich ausdrücken. Das ist eine auf den ersten Blick einleuchtende Forderung. Denn wozu äußert er sich, wenn er nicht verstanden werden will? Soziologie ist nun aber nicht die Lehre vom ersten Blick, sondern die Lehre vom zweiten Blick. Und auf den zweiten Blick kommen Fragen und Bedenken hoch. Sollte man alles, was gesagt wird, gleichermaßen unter die Knute der Verständlichkeit zwingen? Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe? Verständlichkeit ohne jede Vorbereitung, ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns? Gibt es ein lineares Kontinuum, das von Unverständlichkeit zu Verständlichkeit führt, und auf dem man mehr Verständlichkeit fordern kann? Oder gibt es auf diesem Wege vom Unverständlichen zum Verständlichen auch Abwege, etwa ins Mißverständliche? Gilt vielleicht, daß das Unverständliche nur aufgelöst werden kann durch Steigerung von Verständlichkeit und Mißverständlichkeit zugleich? … Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. Wissenschaftliche Theorien haben einen eigentümlichen Weltstimmungsgehalt, den sie selbst … nicht formulieren, vielleicht nicht einmal wahrnehmen können. Die so unzulänglichen Versuche einer politischen Interpretation der »eigentlichen« Aussage von Theorien zeigen diesen Bedarf nach einer Zweitfassung an, ohne ihn angemessen befriedigen zu können. Vielleicht sollte es statt dessen für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie gehen, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist.«
(Niklas Luhmann – Soziologische Aufklärung Bd. 3, Opladen 1983, S. 170, 194f.) #LuhmannEigenwerte
Aus: Niklas Luhmann - ↳Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main1992, S. 311f.
Während die klassische Logik vom Satz der Identität ausging, weil er im Axiomengerüst dieser Logik unentbehrlich zu sein schien, kann man heute fragen: wie wird Identität produziert (oder mit Heinz von Foerster: errechnet)? Offenbar kommt es zu Identifikationen nur unter zwei Voraussetzungen. Die eine besteht im Weglassen von Unterschieden, etwa solchen der räumlichen oder zeitlichen Lokalisierung. Ohne Abstraktion (und zwar nicht: Abstraktion von anderen Objekten, sondern Abstraktion von Unterschieden!) gibt es keine Identität. Die zweite Voraussetzung liegt im Gelingen einer rekursiven Produktion von »Eigenwerten«. Identität muß, mit anderen Worten, am schon Identifizierten identifiziert werden. Die Wiederholung der Operation des Identifizierens (trotz eines immer kühneren Weglassens von Unterschieden) muß gelingen, muß das für identisch Gehaltene kondensieren können. Und anders als in der Mathematik muß dies rekursive Testen mit anderen Operationen in veränderten Konstellationen aber im selben System erfolgen, sie muß also trotz Kontextvariationen konfirmiert werden können. Auf diese Weise errechnet das System seine »Eigenwerte« und identifiziert Identität als Zeichen für solche Eigenwerte, und über Eigenwerte kann es dann Eigenverhalten organisieren.
Grafik: Ausschnitt aus ↳”Geek Graffiti” von flickr-User ↳Ben Cumming mit ↳cc-Lizenz. Danke!
#Luhmann #systemtheorie(Neu-) Ordnungen der Massenmedien.
Nach einer ebenso spannenden wie inspirierenden Diskussion, auf die ich bereits im letzten Eintrag verwies, habe ich heute einen Gastartikel bei den Bielefelder ↳Sozialtheoristen verfasst, der die aus meiner Sicht zentralen Aspekte der Diskussion (mittlerweile auf drei Artikel mit insgesamt 46 Kommentaren verteilt) bündelt.
[…] Aber mit dem Aufkommen des Computers und des Internets als neues Hauptverbreitungsmedium ist die Gesellschaft mit Überschusssinn konfrontiert, auf den sie in der einen oder anderen Weise zu reagieren lernen wird. Erste Anzeichen beobachten wir auf Ebene der Organisation, deren klassisch-hierarchischer Aufbau schon seit geraumer Zeit nicht mehr angemessen erscheint; dies gilt dann insbesondere auch für die Administration der Wikipedia, die unter dem Deckmantel der Selbstverwaltung an hierarchisierter Autorität festhält und damit ein Zentrum und die Möglichkeit von Steuerung suggeriert – was aber geschieht, wenn alle Mitglieder zugleich handeln? […]Den kompletten Artikel gibt es ↳hier… #Luhmann #Computergesellschaft
Sind wir Zeugen der Ausdifferenzierung eines neuen Funktionssystems?
Diese Frage kann man sich nach der Lektüre von Stefans lesenswertem ↳ Artikel über fehlende externe Selektionsmechanismen der Wikipedia nicht ganz unberechtigt stellen. Das erfordert aber insbesondere die Herausbildung eines exklusiven Codes und ggf. entsprechender Programme. Solche Fragen (und viele mehr) werden gerade angedacht in der anschließenden Diskussion. ↳ Mitmachen!
Tags: #Computergesellschaft #Hauptverbreitungsmedien #Code #Programme #Wikipedia #Selektion…
#Luhmann #Netzfunde #ComputergesellschaftDirk Baecker über Gabriel de Tarde, Émile Durkheim, Max Weber und Niklas Luhmann (Teil 2). Ein 15-minütiges Interview von Alexander Kluge im Rahmen seiner Sendung ↳”Prime Time Spätausgabe” von 2008.
↳ Teil 1.
Dirk Baecker über Gabriel de Tarde, Émile Durkheim, Max Weber und Niklas Luhmann (Teil 1). Ein 15-minütiges Interview von Alexander Kluge im Rahmen seiner Sendung ↳”Prime Time Spätausgabe” von 2008.
↳ Teil 2.
17:15. Teatime.
“Man will Tee zubereiten. Das Wasser kocht noch nicht. Man muß also warten. Die Differenzen Tee / andere Getränke, Kochen / Nichtkochen, Wartenmüssen / Trinkenkönnen strukturieren die Situation, ohne daß es nötig oder auch nur hilfreich wäre, die Einheit der jeweils benutzten Differenz zu thematisieren.” (Soziale Systeme, S. 597)
Mehr als 140 Zeichen.
Als Antwort (bzw. Anschlussfrage) auf den ↳Tweet von ↳@stefanervousboy. Fragmente aus Niklas Luhmann: Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt/Main 2002.“Die Gewalt des Staates wird eingesetzt, um Gewalttätigkeiten anderer Provenienz zu unterbinden - mit mehr oder weniger Erfolg, wie man weiß, aber doch als Stütze für Erwartungen. Mit dem Begriff der Gewalt ist also eine negative Selbstreferenz (und folglich: eine Paradoxie) verbunden. Gewalt dient der Austreibung von Gewalt. […] Der Begriff selbst bezeichnet sowohl ausschließende als auch ausgeschlossene Gewalt. Er bezeichnet einen Fall von Einschließen des Ausschließens und ist insofern ein paradoxer Begriff. Mit dem Begriff der Staatsgewalt wird dann eine Auflösung dieses Paradoxes bezeichnet. Er führt (in heutiger Terminologie) zu der Unterscheidung von legitimer und nichtlegitimer Gewalt und postuliert für Staatsgewalt Legitimität. Obwohl die Legitimität der Staatsgewalt (als Teil ihres Begriffs) automatisch zufällt, ist sie trotzdem Gegenstand kontinuierlicher Bemühung. Sie muß in der Unterscheidung legitim/nicht- legitim behauptet werden. Auf operativer Ebene heißt dies, daß die Staatsgewalt Verletzungen ihrer Regeln nicht gleichmütig geschehen lassen kann, sondern sich zeigen und reagieren muß. Auf semantischer Ebene heißt dies, daß rechtfertigende Gründe (Semantiken, Ideologien) ausgearbeitet werden müssen, die erklären, wofür die legitime Gewalt sich einsetzt.” (S. 192f.)
Think Tanks zur kontinuierlichen Behauptung der Legitimität auf semantischer Ebene? [Edit: ;-)]
Wenn in Binnendifferenzierungsprozessen die Organisationsform gewählt wird (also zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern unterschieden werden kann) - haben wir es bei der Universität der Bundeswehr mit einem Subsystem der Politik zu tun? Wohl kaum. Es liegt nahe, an Wissenschaft zu denken, denn auch Kommunikationen an Bundeswehruniversitäten greifen auf das Erfolgsmedium Wahrheit zurück - und nicht etwa auf Macht. Alles eine Frage der Organisation (Auswahlverfahren der Offizierbewerberprüfzentrale, charakterliche Eignungstests, allgemein-militärische Ausbildung als Voraussetzung, Regelverpflichtungszeiten etc. - vgl. den entsprechenden ↳Wikipedia-Artikel)? #Luhmann
Luzifers Doublebind - ein epic Fail?
Meines Wissens der erste überlieferte Doublebind: Die tragische Geschichte Luzifers (wir erinnern uns gegebenfalls, was einen Doublebind auszeichnet, mit Hilfe zweier Blogeinträge aus den Seltsamen Schleifen: ↳”Paradoxe Kommunikation, No.2” und ↳”Auf ein Wort: double bind”):
“Gott gibt allen Engeln die Weisung, sich vor Adam zu verneigen. Einer von ihnen lehnt ab - sei es aus Stolz, sei es, daß er besser weiß als Gott, daß nur Gott selbst zu verehren ist.” (Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 3, Frankfurt/Main 1993, S. 284.)
[Edit, 19:28h: Ein kurzer Nachtrag. Im bereits oben ↳verlinkten Beitrag aus den Seltsamen-Schleifen werden mit Paul Watzlawick drei mögliche Konsequenzen der paradoxen Handlungsanweisung skizziert: die (vergebliche) Suche nach einem tieferen Sinn, eine stumpfe Regelbefolgung ohne eigenes (Nach-) Denken oder ein Rückzug aus der Kommunikation. In seiner “Genealogie des Beobachters” (Wissenschaft der Gesellschaft, S. 118ff.) beschreibt Luhmann den Luzifer/Iblis-Mythos ein weiteres Mal: “[Luzifer] weiß, daß nur Gott selbst ein zu verehrendes Wesen ist, und kann daher sein Verhältnis zu Gott nicht mit einer Befolgung der Weisung Gottes in Einklang bringen. Er muß entweder Gott verraten oder dessen Weisung mißachten.”Der Teufel wird der erste Beobachter im moralischen Schema von Gut und Böse (zu dem er später ja auch Adam und Eva befähigen wird…); er erzeugt eine Differenz im bislang unbeobachteten Raum und verletzt so den unmarked space. Ein früher tragischer “Held” also? Oder schlicht “ein armer Teufel”?]
[Edit, 19:52: Im übertragenen Sinne damit vielleicht sogar der erste παιδαγωγός, der erste Pädagoge?]
Grafik: Ausschnitt aus dem ↳gemeinfreien Gemälde ↳”Lucifer” von Mihály Zichy (1887).
“In den sehr kleinen Verhältnissen der frühen Gesellschaften ist die Grenze zwischen vertraut und unvertraut für alle Teilnehmer nahezu dieselbe; und erst Schrift und dann Buchdruck werden diese Art der Vergemeinschaftung sprengen, indem sie Sinnmaterial erzeugen, das der eine kennt, nämlich gelesen hat, und der andere nicht - mit der Folge, daß die Differenz von vertrau und unvertraut privatisiert wird.” (Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 3, Frankfurt/Main 1993, S. 272.)
Foto: Archives of American Art Journal v. 9, no. 3, p. 15 Cox, Kenyon, 1856-1919. Smithsonian Institution, Lizenz. Danke!
Netzfundstück: “Sociale systemer på gamle medier” (2008).
Foto von ↳Christian Lauersen (aka. Fasan Foto Inc.). Danke!
Luhmann lesen. Ein Vorschlag.
“Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe? Verständlich ohne jede Vorbereitung, ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns?” (Niklas Luhmann)
“Labyrinthisch, unverständlich, anstrengend.” Mit einer gewissen Regelmäßigkeit lassen sich Beschreibungen wie diese nach dem Erstkontakt mit den Schriften Niklas Luhmanns beobachten. Bücher wie “Soziale Systeme” oder “Die Gesellschaft der Gesellschaft” dürften zu den meistgekauften und am wenigsten vollständig gelesenen Büchern¹ zählen. Natürlich zu Unrecht. In persönlichen Gesprächen mit Lesern, die nicht resignieren, begegnet mir regelmäßig die Frage “Wie beginne ich eine systematische Luhmann-Lektüre?” Da sie auch immer häufiger in digitaler Form gestellt wird, soll dieser kurze Artikel eine entsprechende Antwort geben - aus der Position eines immanenten Beobachters, versteht sich.
Der vermutlich gängigste Satz in Einführungen in das Theoriewerk Luhmanns lautet sinngemäß: Dieses Buch wird die Lektüre der Originaltexte nicht ersetzen können. Es folgen dann für gewöhnlich die unterschiedlichsten Rechtfertigungen für den Umstand, dass diese eine Einführung nun doch noch geschrieben werden musste. Die signifikant gestiegenen Verkaufszahlen von Einführungsliteratur (nicht nur für Systemtheoretisches) unterstreichen den offensichtlichen Bedarf nach Reduktion (Korrelationen mit der Neustrukturierung der Universitäten nicht ausgeschlossen) und lassen zusätzliche motivierende Faktoren erahnen, die dann aber vermutlich im Wirtschaftssystem codiert sind.
Wenn die Frage lautet, wie die Luhmann-Lektüre begonnen werden kann, müsste der konsequente Ratschlag lauten: ↳”Soziale Systeme” lesen (dies war übrigens auch mein erster Zugang - der mich zugebenermaßen einige Nerven kostete und mein Durchhaltevermögen auf eine harte Probe stellte. Glücklicherweise waren Faszination und Herausforderung durch das waghalsige Projekt einer Universaltheorie größer als die Widerstände gegen die Lektürearbeit). Luhmann selbst bezeichnete “Soziale Systeme” im Untertitel als “Grundriß einer allgemeinen Theorie” und in einem Interview mit Rainer Erd und Andrea Maihofer alle vorherigen Publikationen als “Null-Serie der Theorieproduktion”. Ausgestattet mit einem umfangreichen Index ist “Soziale Systeme” für mich auch heute häufig die erste Wahl, wenn es gilt, einzelne Begriffe oder Details nachzulesen.
Trotzdem gibt es empfehlenswerte Begleitlektüre für die Reise ins Land der Theorie autopoietischer Systeme.² In Anbetracht Luhmanns enormer Produktivität (geschätzte 14000 Druckseiten allein auf Basis der Erstpubikationen - nicht zufällig lautete der Titel der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag “Theorie als Passion”…), dem häufig als labyrinthisch empfundenen Design seiner Theorie und seiner eigensinnigen Sprache kann ich den Wunsch nach Komplexitätsreduktion durchaus nachvollziehen. Zwei Einführungen halte ich dabei für hinreichend geeignet: ↳”GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme” von Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi und Elena Esposito sowie ↳”Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme” von Georg Kneer und Armin Nassehi. Das erstgenannte Buch ist dabei mein absoluter Favorit und ungemein hilfreich. Das Glossar akzeptiert die Zirkularität Luhmanns Theorie und verabschiedet sich konsequent von einem linearen Aufbau. Statt dessen bietet es einen gedruckten Hypertext: In über 60 prägnanten Artikeln gelingt den Autoren die Skizze der zentralen Begriffe von “Soziale Systeme” (zum Beispiel Autopoiesis, Form/Medium, Sinn und viele mehr) - eine Konzeption, die das GLU zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk macht. Darüber hinaus bieten die Autoren dem Leser unterschiedliche “Lesewege” durch ihr Buch an, abhängig vom primären Erkenntnisinteresse (beispielsweise Gesellschaftstheorie, allgemeine Systemtheorie, Grundbegriffe etc.). Das umfangreiche Verweissystem innerhalb der Artikel ermöglicht nicht zuletzt selbstgewählte Sinnselektionen. Zusammenfassend: Ein unverzichtbares Arbeitsbuch für jeden Luhmann-Leser.
Das zweite Buch, das ich unter dem Etikett “Einführung” empfehlen kann, ist besagtes von Kneer/Nassehi. Hier wird im Gegenteil zum GLU ein sehr linearer Pfad verfolgt, der aber (vorallem im Gegensatz zu anderen Einführungen) durch eine solide Basis (“Systemtheorie als interdisziplinäres Paradigma” beginnt bei Hegel und skizziert über von Bertalanffy, Parsons, die Kybernetiker und dann insbesondere Maturana/Varela den Weg zu Luhmann) und eine klare Sprache überzeugen kann. In der Folge legen die Autoren die Schwerpunkte ihrer Einführung auf eine verständliche Erläuterung zur Theorie sozialer Systeme und zur Theorie der Gesellschaft. Beiden hier vorgestellten Büchern ist gemein, dass sie die Verknappungen Luhmanns Theorie auf ein der Sache angemessenes Maß beschränken.
Ein dritter und letzter Weg eröffnet sich dem interessierten Leser dank der ↳Vorlesungstranskriptionen Dirk Baeckers. Es handelt sich um die verschriftlichte Form der im Wintersemster 1991/92 an der Uni Bielefeld gehaltenen Vorlesung “Einführung in die Systemtheorie”. Im Vorwort merkt der Herausgeber an, dass Luhmann dabei auch “mit Hörern rechnete, die zum ersten Mal mit der Materie konfrontiert wurden”. Insofern bietet der Band (den Luhmann selbst vermutlich nie publiziert hätte, ebd.) gewissermaßen die einmalige Gelegenheit, mit Luhmann selbst den Luhmann-Einstieg zu wagen. Ein besondereres Erlebnis garantiert übrigens die Kopplung mit dem Audiomitschnitt der Vorlesung, der beim Carl-Auer-Verlag in Form von ↳mp3-Dateien zu erwerben ist: Das gleichzeitige Lesen und Hören Luhmanns ermöglicht die vielleicht unmittelbarste Auseinandersetzung - zumindest für jene angehenden Systemtheoretiker, die wie ich nicht das Glück hatten, Niklas Luhmann während seiner Tätigkeit in Bielefeld live erleben zu können.
Eine letzte abschließende Anekdote. Ein von mir außerordentlich geschätzter Dozent ermutigte mich sinngemäß wie folgt während der Lektüre von “Soziale Systeme”: “Die ersten 400 Seiten sind hart, dann macht langsam alles Sinn. Und nach der Lektüre ist nichts mehr wie vorher.” Er sollte Recht behalten.
¹ Vermutlich nicht nur in den Regalen von Studierenden…
² Oder, um in einem Bild zu bleiben, das Luhmann selbst gebrauchte: Beim Flug über den Wolken gibt es hier und da auch die Möglichkeit mit dem Tower oder anderen Piloten zu kommunizieren.
#Systemtheorie #Bücher #Luhmann
“Heimatforscher” “Heimat”forscher geworden? Nein, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Ich bin dank einer umfangreicheren ↳Bibliographie auf eine Publikation in einem obskuren Sammelband aufmerksam geworden, für die sich dann auf einer ↳dänischen Seite tatsächlich noch das mutmaßliche Titelblatt aufstöbern ließ.
1522 Klicks sind definitiv zu wenig.
Niklas Luhmann: “Gibt es in unserer Gesellschaft noch unverzichtbare Normen?” (Ausschnitt)
[Edit, 14. Aug., 12h : Heute meldet YouTube 1572 Aufrufe - d.h. +50 Klicks seit gestern. Ob das mit diesem Post zusammenhängt, sei einmal dahingestellt. Aber zumindest suggeriert das dieser Zusatz.]
Selbstreferenz, Fremdreferenz und kauzige Irre
Gestern Abend hörte ich den Vortrag einen Mitschnitt des Vortrags »”Alteuropa” und “Der Soziologe” - Wie verhält sich Niklas Luhmanns Theorie zur philosophischen Tradition?« von Hans Ulrich Gumbrecht.¹
Gumbrecht entwickelt auf kurzweilige Art und Weise eine Skizze der Luhmann’schen Selbst- und Fremdreferenzen, die (wie sollte es anders sein?) in hohem Maße von der Beobachterposition des Vortragenden und seinen eigenen Unterscheidungen geprägt ist; diese Überlegungen ergeben dabei aber eine interessante Konstruktion: Gumbrechts Fremdreferenz auf Luhmanns Fremdreferenz, die nach Gumbrecht insgeheim eine (“schräge”) Selbstreferenz Luhmanns ist. Eine kurze Passage, in der Verweise auf andere Theoretiker in Luhmanns Werk thematisiert werden:
Etwas ähnliches geschieht drittens, wenn Luhmann andere Theorieautoren zitiert. Er zitiert ja andere Theorieautoren immer ohne weitere Einführung, so dass man als Leser permanent ein schlechtes Gewissen hat, weil man normalerweise diese Theorieautoren nicht kennt. Also er fängt dann an, sagt: “Spencer Brown sagt…” - Spencer Brown? Keine Ahnung. Aber der Fall ist eigentlich, dass Gotthard Günther, auf den Luhmann immer wieder kanonisch verweist als den Erfinder der dreiwertigen Logik, also auf Nachfrage bei meinen philosophischen Kollegen keinerlei Rolle in der Geschichte der Logik des 20. Jahrhunderts spielt. Dass Humberto Maturana, “der große Biologe der Vision” in Luhmanns Büchern, also ganz bestimmt kein Kandidat für einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis je war, nicht einmal für einen chilenischen Nationalpreis. Dass Fritz Heider, auf den Luhmann immer wieder verweist, einzig und allein der Autor eines einzigen Aufsatzes zum Begriff der Form, übrigens aus dem Jahr 1926, ist. Dass Heinz von Foerster ein sympathischer, kauziger, emeritierter Ingenieurswissenschaftler ist. Und ich möchte auch noch darauf hinweisen, dass meine Kollegen im Department of Mathematics in Stanford George Spencer Brown, und ich übertreibe nicht, mit Verlaub für einen armen Irren halten. Für einen armen Irren der Mathematik. Obwohl ich gehört habe, dass alle Soziologieinstitute in Deutschland, die auf sich halten, mindestens einen Spencer Brown-Spezialisten bezahlen.So fragt man sich also am Ende, ob nicht all diese Fremdreferenzen auf vermeintliche Theorieautoritäten Permutationen des Namens Niklas Luhmann sind.
Der Vortrag ist ebenso unterhaltsam wie empfehlenswert (allein unter humoristischen Gesichtspunkten). Ansonsten gilt: Alles nicht zu ernst nehmen.
¹ In: Stephan Krass (Hg.): Niklas Luhmann — Beobachtungen der Moderne. CD in der Reihe “Freiburger Reden—Denker auf der Bühne.” Edition SWR2. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme Verlag) 2000. #Luhmann #Systemtheorie






