05. Oct, 2010

Operation Performat - eine Dokumentation

Cervantes

Die folgenden Überlegungen sind Antworten auf Antworten auf Antworten. Oder wahlweise Fragen auf Fragen auf Fragen. Der geneigte Leser kann ↳vorne oder ↳hinten beginnen den Faden aufzunehmen. Oder in der ↳Mitte. Oder er kann es lassen. Entscheidend ist: Wenn er ihn aufnimmt, beginnt er dokumentierten Spuren zu folgen. Die Form findet zu sich selbst: Zur Dokumentform von Hypertext.

Klaus Kusanowsky ↳schreibt: »Wenn Luhmann Recht hat mit seiner Analyse, dass die Realität der Medien, ihre reale Realität, in ihren eigenen Operationen besteht, so ergibt sich daraus die Überlegung, dass die reale Realität der Medien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen beschrieben werden können.« 
Soweit, so klar. Luhmann schreibt das explizit: »Die Realität der Massenmedien, ihre reale Realität könnte man sagen, besteht in ihren eigenen Operationen. Es wird gedruckt und gefunkt. Es wird gelesen. […] Es macht daher guten Sinn, die reale Realität der Massenmedien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen anzusehen« (in der Ausgabe von 1995 auf Seite 13 – dass die Zitation als solche unterschlagen wurde, ist eine Skandalisierung nicht wert). Die Frage bleibt: warum wird das Wissen durch Beobachtung zweiter Ordnung, »im Augenblick seiner Publikation«, wie Kusanowsky schreibt, »zerstört«? Es handelt sich, insbesondere wo »wissenschaftlich« kommuniziert wird, zunächst einmal um Anschlussoperationen – und Zitate. Bereits der Begriff der »Operation« impliziert den diagnostizierten Performatcharakter; daher würde ich schärfer formulieren: wenn Kommunikation, dann Performat. Das hat nichts mit Latenzen zu tun. Im übrigen wird auch Betrug, Schwindel oder Fälschung und die resultierende Empörung kommunikativ verhandelt – ein fehlerhaftes Zitat beispielsweise mit dem »Original« (was immer das ist) verglichen. Ähnlich kann dann (mit entsprechendem Know-How) auch im weltweiten Computernetzwerk verglichen werden, aber nur wenn dieses Können gekonnt wird (darum ging es übrigens im ersten, »schlichten« Passus meiner Replik auf Breitenbachs Leviathan, aber das hier nur am Rande): Unter Rekurs auf IP-Adressen könnte Kusanowsky den ↳vermuteten identiy fraud überprüfen. Ob im worldwide web durch den »Prozess eines ständig fortschreitenden Zurückverweisens von Dokumenten auf Dokumenten« tatsächlich alle Dokumentalität in der Entgrenzung ihrer Möglichkeit« verschwindet, darf jedenfalls bezweifelt werden. Um anschlussfähig zu bleiben, wird das Rhizom linearisiert – vielleicht müsste man, um in Kusanowskys Diktion zu bleiben, von einer »Textualisierung« sprechen? Es wird nachgefragt. Es werden Antworten verlangt, nicht Verweisungen (was zugleich wieder eingeschränkt werden muss, in dem Maße, in dem Antworten ja immer Verweise auf Gedanken und/oder Mitteilungen sind). Argumentation entzieht sich nicht ihrer Dokumentierbarkeit. Die entscheidende Herausforderung ist doch wohl, die zahlreichen Fäden und Spuren aufzunehmen – um dann im Medium der Argumentation sinnvoll Formen zu bilden. Das versuchen Herr Kusanowsky und ich übrigens: Man muss das mitunter hartnäckig einfordern, scheint mir. Aber es funktioniert, ganz oldschool.

Noch ein kurzer Nachsatz zu Buch und Text: Dass diese notwendig linear aufgebaut sein müssen stimmt nicht. Dafür wurde ↳gestern auf Arno Schmidts »Zettels Traum«, auf Baraldi/Corsi/Esposito und ihr »GLU« und hiermit und heute auf Luhmanns »Gesellschaft der Gesellschaft« verwiesen, die diesem Befund entgegenstehen. Weitere widerständige Beispiele gibt es sicher reichlich. Möglicherweise ist folgender ↳Passus ein Symptom eben jener Beobachtung: »die Luhmannsche Systemtheorie ist die erste Soziologie, die zwar noch in Büchern aufgrund eines Mangels an Alternativen dokumentiert wurde, ohne aber, dass diese Theorie auf ihre Dokumentierbarkeit angewiesen wäre. Irgendwie steht sie zwar irgendwo geschrieben, aber man kann nicht einfach mal nachlesen um genau wissen zu können, was Luhmann gemeint hat.« Text ist nicht notwendig linear. Kusanowskys Analyse liegt ein »modernes« Verständnis vom »Text« zu Grunde, das in dieser Form empirisch nicht (mehr) haltbar ist (»Vor-Intertextualität« würde ich sagen, wenn das nicht so bescheuert klänge).