27. Jan, 2012

»Jede Schrift muß also, um zu sein, was sie ist, in radikaler Abwesenheit eines jeden empirisch festlegbaren Empfängers überhaupt funktionieren können.« 
Jacques Derrida – Signatur Ereignis Kontext, in: ders. – Randgänge der Philosophie, 2. Aufl., Wien 1999, S. 325 – 351, hier: S. 333.

#Schrift #Abwesenheit #différance #Empfänger
25. Jan, 2012

»Luhmanns Demokratiemodell, auf der Unterscheidung Regierung/Opposition basierend, exemplifiziert ein partikulares hegemoniales Projekt und nicht einen ›universalen‹ Code des politischen Systems.« 
Urs Stäheli: Sinnzusammenbrüche, Weilerswist 2000, S. 256.

#Demokratie #Politik #Code #Regierung #Opposition
25. Jan, 2012

»In gewissem Sinne bietet Luhmann eine ›zivilisierte‹ Version von Carl Schmitts omnipräsenter, antagonistischer Freund/Feind-Unterscheidung, indem er politische Antagonismen innerhalb des institutionalisierten Rahmens und der Prozeduren einer beschränkten agonistischen Handhabung re-signifiziert.« 
Urs Stäheli: Sinnzusammenbrüche, Weilerswist 2000, S. 255.

#Code #Politik #Regierung #Opposition
23. Jan, 2012



Zettelkasten (neu)
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Blog-Reste (alt)


27. Feb, 2011

Nachsendeauftrag

Die Reise geht weiter…

In eigener Sache: Dieses Weblog ist mitsamt Kopien seiner Artikel und Diskussionen umgezogen. Der laufende Betrieb unter dieser Adresse wird mit diesem Artikel eingestellt. Aktuelle Beiträge sind künftig unter sebastian-ploenges.com/blog zu finden.

Die Gründe für den Umzug sind primär technischer Natur: Die Blog-Plattform Tumblr eignet sich meines Erachtens besonders gut als Software für „Lifestream“-Blogs – schnell ein Foto hochladen, Tweets aggregieren, eine kurze Textnotiz und nicht zuletzt: unkompliziert den Content anderer Nutzer rebloggen. Für eine nachhaltige Arbeit im Rahmen des Zettelkasten-Paradigmas ist es mangels nativer Sortieroptionen allerdings weniger geeignet, insbesondere was Möglichkeiten des Stöberns, der Selbstüberraschung und somit des produktiven Umgangs mit den eigenen Notizen anbelangt. Aus diesem Grund handelt es sich hierbei um den letzten Eintrag in diesem Blog. Ich hoffe, alle Inhalte verlustfrei transferiert zu haben – teilweise war dazu Handarbeit nötig (die Disqus-Exportfunktion ist fehlerhaft; behaltet lieber die Kontrolle über Eure Diskussionsbeiträge und lasst Drittanbieter aus dem Spiel, es macht nur Ärger!).
Die Domain autopoiet.de wird künftig auf die selbstgehostete Wordpress-Installation verweisen. Zu Dokumentationszwecken (und weil ich das „handschriftliche“ Layout hier über die Zeit irgendwie liebgewonnen habe…) werden die auf den Tumblr-Servern gespeicherten Daten bis auf Weiteres über die Adresse autopoiet.tumblr.com erreichbar bleiben.

17. Feb, 2011

Mittelalterliche Textgepflogenheiten

scriptor, copierend

„Mittelalterliche Textgepflogenheiten, die das Buch selbst wie einen Autor sprechen lassen, haben den Buchdruck nicht überlebt. Es wäre also nicht ganz abwegig, sie wiederaufzugreifen, denn schließlich stammt, jedenfalls wo es ›wissenschaftlich‹ zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst.“
Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main 1992, S. 11.
Fritz B. Simon: ↳Axolotl Guttenberg.
Gestern: ↳Dysfunktionalität als Funktion.
16. Feb, 2011

Dysfunktionalität als Funktion

labor, teuffel

Kann ein gemäß eigener Reflexionssemantik und Selbstbeschreibung nicht länger funktional operierendes (Sub-) System eben dieses latente Nichtfunktionieren zum Anlass eigenen Operierens machen? Ohne Zweifel. Aber was bedeutet das für die Reflexionssemantik? Und für die Theorieform funktionaler DIfferenzierung, die sich ihrer implizit bedient? Ein archivierter ↳Kommentar zu Enno Aljets’ ↳Wissenschaft 2.0 bei den ↳Sozialtheoristen.

„[…] Gerade gestern Abend unterhielten wir uns in kleiner Runde über die Frage, ob es in Anbetracht von Internet und Überschusssinn zur weiteren Ausdifferenzierung der Wissenschaft kommen wird (mit Hilfe neuer Programmtypen o.ä.) oder ob in Anbetracht von Beschleunigung und zunehmender Dysfunktionalität wissenschaftlicher Kommunikation (Orientierung an Zitationsrankings, Aussicht auf Drittmitteleinwerbung etc.) ein eigenständiges Subsystem entstehen könnte (das damit auf mangelnde Interdependenzunterbrechungen, beispielsweise zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, reagiert. Wo der Ort einer solchen Wissenschaft wäre, sei einmal dahingestellt – Universitäten werden es vermutlich nicht sein). Oder drittens, ob gerade die mehr oder weniger latente Dysfunktionalität die eigentliche Funktion sein könnte… aber die letzte Option kommt dann doch ein wenig lax und als postmoderner Schlendrian daher. Die Frage bleibt (und sie drängt, zumindest mich): wie kann der »inhaltlichen Diskussion über Wahrheit« (Enno) zu ihrem Recht verholfen werden? Ohne den professionell deformierten Semantiken der jeweils betroffenen Profession (denn es ist ja nicht nur die Wissenschaft, die mit diesem Problem konfrontiert ist) oder bloß moralisierenden Appellen anheim zu fallen? […]“

… mehr in die Jahre gekommene science fiction?
… welche Probleme löst eine derart skizzierte Wissenschaft eigentlich?
… und was war da heute mit Guttenbergs Dissertation (↳ZEIT/↳SPON/↳SZ)?
10. Feb, 2011

live/nicht-live?

codex manesse, live

Eine Notiz zu Arnes sehr lesenswerten (und im besten Sinne des Wortes) irritierenden ↳Bericht zur Transmediale. Dort kommentiert, hier archiviert:

Warum die Unterscheidung »live/nicht-live« keine angemessene ist.

Oder anders gesagt: warum es nicht verwunderlich ist, dass durch ihre Anwendung Unsinn generiert wird (und das scheint mir die tiefere Lehre der ambitionierteren Vorträge im Rahmen des Transmediale-Programms gewesen zu sein). Man kann »live« nämlich von »Stuhl«, »Zen« oder »grün« unterscheiden, denn die sind allesamt »nicht-live« (und somit nicht »live«). Man kann so natürlich verfahren und damit wird die zugrundeliegende Paradoxie verschleiern. Das ist alltägliche Praxis und als solche benennt Arne sie explizit (»Und zwar wird dabei eine ganze Menge mehr nicht beobachtet, als beobachtet wird«). Was resultiert, wenn man also »nicht-live« in diesem Sinne als Negation benutzt? Ist es verwunderlich, wenn in Folge des Unterscheidungsgebrauchs Situationen generiert (!) werden, die halt besonders »live« sind (egal ob im Flurgespräch, Fußballstadion, Opernhaus oder Jazzclub) – und bei den übrigen Situationen Unklarheit und Ratlosigkeit herrscht? Das Treffen der Unterscheidung erzeugt die Form, das Beobachtete ist Resultat des Beobachters (der hier mit dem Treffen der Unterscheidung identifiziert, d.h. »verwechselt« wird). Und dann drängt sich die Frage auf, ob das alles so neu ist; ob das nicht so oder ähnlich auch immer schon problematisiert worden ist (man denke an den wegen der Einführung der Schrift besorgten Sokrates aus Platons Phaidros). Nochmal anders: Ist die Unterscheidung von »live/nicht-live« bzw. »live/pre-recorded« nicht möglicherweise ein Anwendungsfall einer allgemeineren Unterscheidung? Wie könnte diese aussehen?

Tja – da bin ich mit meinem Latein am Ende. Zuerst dachte ich an »Instantan/Sequenziell« (ist aber natürlich irreführend, weil auch Interaktion Sequenzialität erfordert), eben an »Anwesend/Abwesend« (wenn ich dich nachher anrufe – ist das nicht »live«? Oder bist du dann etwa »anwesend«?) oder »Zeitgleich/Unzeitgleich« (aber das mit Musikern zu diskutieren wäre sicherlich gefährlich) – kreist das Problem am Ende um die Differenz von »Interaktion/Dokument«? Das kann aber nur empirisch, das heisst unter Beobachtung von Beobachtungen und ihrer Ontogenese geklärt werden… oder?



Edit (11.02. 2011): Anschluss bei den ↳Netzpiloten und bei ↳Klaus Kusanowsky.

#Unterscheidung #Netzfunde
08. Oct, 2010

Die nächste Stadt. Eine Simulation

urbs, urbis

Formenbildung im Medium der Simulation. Ein neuer mit-geteilter Zettel (↳vorheriger Zettel: »Krisis und Alarmsignale als Hypertext«) als weitere Annäherung an den Begriff »Performat« (↳Link). Heute: die nächste Stadt als Simulation. Gefunden bei Dirk Baecker – Die nächste Stadt. Ein Pflichtenheft (2009/10), S. 6f. ↳Hier online (Stand: 08.10. 2010).

»Die nächste Stadt, wenn die Anzeichen nicht täuschen, ist eine virtuelle Stadt (franz. virtuel, fähig zu wirken, möglich, lat. virtus, Tugend, Tüchtigkeit, Kraft, Männlichkeit), insofern sie sich zum Medium (lat. medium, die Mitte, das Mittel) ihrer selbst macht. Strenger noch als die moderne Stadt ist sie darüber hinaus ein urbaner Raum, der als solcher auf der Erde kein Außen mehr kennt. Die virtuelle Stadt hebt den in der modernen Stadt territorial noch sichtbaren, aber bereits nicht mehr funktionalen Unterschied zwischen Stadt und Land endgültig auf, indem Stadt, das Miteinanderleben von untereinander Unbekannten, jetzt überall möglich ist. Entscheidend ist, dass Protokolle verfügbar sind, die Zugriffe ermöglichen und definieren, dass Netzwerke ausgewiesen werden können, in denen man sich im Wissen um noch unbekannte, aber absehbare weitere Möglichkeiten bewegt, und dass Grenzflächen bis hin zu No-Go-Areas sichtbar sind, die Abstände schaffen, Gefahrenzonen ausweisen und so das Bewusstsein für die Riskanz jedes virtuellen Zugriffs wach halten. Der Begriff der Stadt beginnt, in die Irre zu führen, weil er unvermeidbar Konnotationen einer politischen Ordnung der Repräsentation und einer funktionalen Ordnung der anschaulich arbeitsteiligen Gesellschaft mit sich führt, die im urbanen Raum der nächsten Gesellschaft nicht mehr ohne Weiteres vorausgesetzt werden können.

Die nächste Stadt ist virtuell, das heißt sie bezieht ihre Realität daraus, dass sie Formen aller Art medialisiert und so deren Material für andere Formen brauchbar macht. Virtualität ist hierbei nicht etwa das Gegenteil von Realität, wie es ein weit verbreiteter Irrtum haben will, sondern eine Form des Umgangs mit Realität.

Die virtuelle Stadt ist ein urbaner Raum, in dem Rechner und Rechnernetzwerke dazu genutzt werden, Konstellationen zwischen Bewusstsein, Körper und Kommunikation auszuprobieren, für die bislang nicht nur die Phantasie, sondern vor allem die Kontrollmöglichkeit gefehlt hat. Die Suchmaschinen der privaten Computerbenutzer, die Diagnoseunterstützungsgeräte der Ärzte, die Reutersbildschirme der Aktienhändler, die CAD-Maschinen der Ingenieure, die Gefechtsfeldmonitore des Soldaten, die Modellrechner der Investoren, die Multimediamaschinen der Künstler, die Sicherheitsüberwachungssysteme zahlloser Polizisten, Wächter, Kontrolleure und eine Flut von statistischen Daten, die diesen Computernetzwerken nicht nur zur Verfügung stehen, sondern durch den schieren Umstand ihrer Nutzung aufgefrischt und vermehrt werden (zum Beispiel in der Form von clickstreams), verflüssigen und verdampfen ein weiteres Mal alles Bestehende (Karl Marx) und fangen Kondensate politischer und wirtschaftlicher, technischer und militärischer, kultureller und wissenschaftlicher Informationen auf, von denen man sich bisher vielfach nichts hätte träumen lassen.« 

06. Oct, 2010

Krisis und Alarmsignale als Hypertext

krisis

Lose Notizen zur Parallelisierung von ↳Hypertext, ↳Performat und ↳Krise; ein (mit-)geteilter Zettel.

»Der antike Glaube an die Notwendigkeit unwiderruflicher Entscheidungen wird ebenso wie die moderne Hoffnung auf in sich unterscheidbare und profilierte Epochen zwar noch gepflegt, aber doch eher aus einer gewissen Wehmut heraus, die sich in die Zeiten zurücksehnt, als es zwischen den Krisen noch so etwas wie perfekte Weltzustände oder ruhige Gleichgewichte gab. In der nächsten Gesellschaft geht es eher darum, rechtzeitig zu wechseln, sich »vorübergehend an vorübergehende Lagen anzupassen«, wie Luhmann gerne formulierte, und den Anspruch auf die Benennbarkeit der Lage, ihrer historischen Differenz, doch eher aufzugeben.« (Dirk Baecker – Krisen sind normal, in: Revue für postheroisches Management, Heft 6 (Juli 2010), S. 112 – 115, hier 115.)

Wir beobachten eine Evidenzsteigerung – bis zur Entscheidungssituation der Krise. Diese wird als anschlussfähiger Kontingenzzeiger gedacht; als Ein–, nicht Widerspruch:

»Die Krise setzt Bezüge durch, die andernfalls vermieden werden, weist Nachbarschaften nach, mit denen man nicht mehr gerechnet hat, und zeigt Rückkopplungen auf, von denen man nichts wusste oder die man verdrängt hat.« (ebd.)

Die Krise als Form bisher unerwartbarer Alternativen. Sie entwertet oder falsifiziert nicht die vorangegangenen Operationen (bzw. ↳Performate), sondern legt nahe, dass andere Anschlüsse geboten sind.
Luhmann (Soziale Systeme, S. 501ff.) spricht von Alarmsignalen des Immunsystems der Gesellschaft und parallelisiert diese Analyse mit den Leistungen des Rechtssystems (S. 509ff. ↳Zufall?). Dabei wird generell nicht die Struktur des Systems geschützt, sondern sein Operieren (durch Sicherung der Anschlussfähigkeit). Können diese Beobachtungen aufschlussreich sein für die Analyse der Dokumentform der nächsten Gesellschaft?

»[I]n der Krise arbeitet das Immunsystem der Gesellschaft auch an sich selbst. Es lernt. Es befindet sich auch selbst laufend in der Krise.« (ebd.)

05. Oct, 2010

Operation Performat - eine Dokumentation

Cervantes

Die folgenden Überlegungen sind Antworten auf Antworten auf Antworten. Oder wahlweise Fragen auf Fragen auf Fragen. Der geneigte Leser kann ↳vorne oder ↳hinten beginnen den Faden aufzunehmen. Oder in der ↳Mitte. Oder er kann es lassen. Entscheidend ist: Wenn er ihn aufnimmt, beginnt er dokumentierten Spuren zu folgen. Die Form findet zu sich selbst: Zur Dokumentform von Hypertext.

Klaus Kusanowsky ↳schreibt: »Wenn Luhmann Recht hat mit seiner Analyse, dass die Realität der Medien, ihre reale Realität, in ihren eigenen Operationen besteht, so ergibt sich daraus die Überlegung, dass die reale Realität der Medien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen beschrieben werden können.« 
Soweit, so klar. Luhmann schreibt das explizit: »Die Realität der Massenmedien, ihre reale Realität könnte man sagen, besteht in ihren eigenen Operationen. Es wird gedruckt und gefunkt. Es wird gelesen. […] Es macht daher guten Sinn, die reale Realität der Massenmedien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen anzusehen« (in der Ausgabe von 1995 auf Seite 13 – dass die Zitation als solche unterschlagen wurde, ist eine Skandalisierung nicht wert). Die Frage bleibt: warum wird das Wissen durch Beobachtung zweiter Ordnung, »im Augenblick seiner Publikation«, wie Kusanowsky schreibt, »zerstört«? Es handelt sich, insbesondere wo »wissenschaftlich« kommuniziert wird, zunächst einmal um Anschlussoperationen – und Zitate. Bereits der Begriff der »Operation« impliziert den diagnostizierten Performatcharakter; daher würde ich schärfer formulieren: wenn Kommunikation, dann Performat. Das hat nichts mit Latenzen zu tun. Im übrigen wird auch Betrug, Schwindel oder Fälschung und die resultierende Empörung kommunikativ verhandelt – ein fehlerhaftes Zitat beispielsweise mit dem »Original« (was immer das ist) verglichen. Ähnlich kann dann (mit entsprechendem Know-How) auch im weltweiten Computernetzwerk verglichen werden, aber nur wenn dieses Können gekonnt wird (darum ging es übrigens im ersten, »schlichten« Passus meiner Replik auf Breitenbachs Leviathan, aber das hier nur am Rande): Unter Rekurs auf IP-Adressen könnte Kusanowsky den ↳vermuteten identiy fraud überprüfen. Ob im worldwide web durch den »Prozess eines ständig fortschreitenden Zurückverweisens von Dokumenten auf Dokumenten« tatsächlich alle Dokumentalität in der Entgrenzung ihrer Möglichkeit« verschwindet, darf jedenfalls bezweifelt werden. Um anschlussfähig zu bleiben, wird das Rhizom linearisiert – vielleicht müsste man, um in Kusanowskys Diktion zu bleiben, von einer »Textualisierung« sprechen? Es wird nachgefragt. Es werden Antworten verlangt, nicht Verweisungen (was zugleich wieder eingeschränkt werden muss, in dem Maße, in dem Antworten ja immer Verweise auf Gedanken und/oder Mitteilungen sind). Argumentation entzieht sich nicht ihrer Dokumentierbarkeit. Die entscheidende Herausforderung ist doch wohl, die zahlreichen Fäden und Spuren aufzunehmen – um dann im Medium der Argumentation sinnvoll Formen zu bilden. Das versuchen Herr Kusanowsky und ich übrigens: Man muss das mitunter hartnäckig einfordern, scheint mir. Aber es funktioniert, ganz oldschool.

Noch ein kurzer Nachsatz zu Buch und Text: Dass diese notwendig linear aufgebaut sein müssen stimmt nicht. Dafür wurde ↳gestern auf Arno Schmidts »Zettels Traum«, auf Baraldi/Corsi/Esposito und ihr »GLU« und hiermit und heute auf Luhmanns »Gesellschaft der Gesellschaft« verwiesen, die diesem Befund entgegenstehen. Weitere widerständige Beispiele gibt es sicher reichlich. Möglicherweise ist folgender ↳Passus ein Symptom eben jener Beobachtung: »die Luhmannsche Systemtheorie ist die erste Soziologie, die zwar noch in Büchern aufgrund eines Mangels an Alternativen dokumentiert wurde, ohne aber, dass diese Theorie auf ihre Dokumentierbarkeit angewiesen wäre. Irgendwie steht sie zwar irgendwo geschrieben, aber man kann nicht einfach mal nachlesen um genau wissen zu können, was Luhmann gemeint hat.« Text ist nicht notwendig linear. Kusanowskys Analyse liegt ein »modernes« Verständnis vom »Text« zu Grunde, das in dieser Form empirisch nicht (mehr) haltbar ist (»Vor-Intertextualität« würde ich sagen, wenn das nicht so bescheuert klänge).

05. Oct, 2010

Zur Dokumentform von Hypertext. Eine fixe Idee

Scriptorium

Anschlussgedanken zur fortgesetzten ↳»Leviathan«-Diskussion.

»Texte ermöglichen eine vereinfachte Selbstbeobachtung. Im normalen Entscheidungsgang beobachtet sich das System nicht als System (-in-einer-Umwelt), sondern als Ansammlung aufeinander verweisender Rechtstexte. Die Juristen nennen bekanntlich auch das ein »System«. Neuerdings spricht man, etwas lockerer, von »Intertextualität«. Was als Text in Betracht kommt, wird durch diese Funktion der Repräsentation des Systems im System geregelt. Es kann sich um Gesetze und Gesetzeskommentare, aber natürlich auch um Gerichtsentscheidungen oder andere Dokumente einer feststehenden Rechtspraxis handeln. Entscheidend ist, daß das System sich interne Zusammenhänge »vergegenwärtigen« kann, also die Möglichkeiten des jeweils gegenwärtigen Operierens dadurch einschränken kann. Das Finden der für die Entscheidung relevanten Texte erfordert fachliche Kompetenz und ist so ein zentrales (oft übersehenes) Moment juristischen Könnens. Denn Interpretieren und Argumentieren kann man nur, wenn man die einschlägigen Texte bereits gefunden hat.« (Niklas Luhmann: Das Recht der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1995, S. 339.)

Nun ersetze (spaßeshalber) »Text« durch »Hypertext«. Was spricht dagegen, Hypertext nicht als Dokument zu begreifen? Schließt die folgende Umschreibung der Dokumentform von Klaus Kusanowsky (↳Link) Hypertext aus? »Das Dokument entsteht als Form durch die Unterscheidung von dokumentierbar/nicht-dokumentierbar (alternativ: referenzierbar/nicht-referenzierbar), eine Form, die Wahrheit kontingent berücksichtigt, wodurch Manipulation ausschlossen wird und als Problem durch Ausschluss wieder auftaucht.« Eine treffende Beschreibung von Datenbanken – nicht zuletzt dem Hypertext Luhmanns Zettelkasten. Was rechtfertigt, mit Blick auf das Internet, die Umstellung auf sogenannte »Performate«?



Edit (13:53): ↳Anschluss bei Klaus Kusanowsky.

03. Oct, 2010

Der Leviathan schlägt weiter Wellen

Oder: die Geister, die ich rief. Eine zweite Antwort auf Klaus Kusanowskys Replik »Der Leviathan: das Internet als Katastrophe und soziale Dämonie«. Die erste Antwort findet sich ↳ hier. Mein ursprünglicher Artikel ↳ dort.

Leviathan

»Allein unsere bisherige Vorstellung von der Wissenschaft hat eine Beherrschung absolut gemacht, die sonst relativ geblieben wäre.« - Bruno Latour

Der Leviathan, beziehungsweise seine Metapher, schiebt sich laufend vorweg: Wenn man Medienarchäologie betreibt, also das Referenzsystem umfassend ausflaggt, kann man die (mutmaßlich) richtige oder falsche Verwendungsweise von Vergleichen plausibilisieren - das macht die Sache nicht undurchsichtig, aber zeitaufwendig. Man kann auch schlicht und einfach merken, dass man von Unterschiedlichem spricht und die Unterscheidung löschen. Das aber nur am Rande.

Ich spule etwas zurück: »Denn die Strukturen vernetzter Computer erzeugen eine Unbestimmtheitsstelle, an der etwas geschieht, wovon man noch nicht weiß, wie es weiter gehen wird«, schreibt Klaus Kusanowsky im Beitrag »Die Katastrophe der Empirieform 1«. Dieser Umstand ist sicher nicht zu leugnen, seine Erkenntnis ist ebenso gewiß nicht sonderlich neu: das, was wir als »komplizierte Datenmengen« deklarieren ist vor allem in historischer Betrachtung eine hochgradig kontingente Angelegenheit. Für den federbekielten Mönch im mittelalterlichen Scriptorium würde es sich bei den laufenden Metern von Literaturbestand in einer durchschnittlichen Universitätsbibliothek wohl sehr wahrscheinlich um eine ebenso »komplizierte Datenmenge« gehandelt haben wie für den rezent-ratlosen wissenschaftlichen Betrachter des Internets. Die Parallelisierung von Medienrevolutionen führt dann m.E. zu dem Schluß, dass folgendes Zitat auch für Bücher gelten muss: Sie »[…] rechnen sie mit, das heißt, als unverzichtbare Umweltbedingung verändern sie die Resultate der Kommunikation auf eine Art und Weise, die in der Kommunikation von der Kommunikation weiterverwendet werden müssen« (Kusanowsky). Die Frage läuft also auf den vielfach prognostizierten Austausch des Beobachtungsschemas hinaus, egal ob wir das Aufziehen der ersten Wolken nun als Katastrophe oder Dämonologie bezeichnen… (den vom Autor diagnostizierten »appellativen« Charakter meiner ↳ Breitenbach-Replik konnte ich übrigens immer noch nicht identifizieren).

Was bedeutet das für die Empirie? Die Erfindung der (hier: empirischen) Wissenschaft, bekanntermaßen Resultat dieser letzten, großen Katastrophe, basiert auf einem Gentlemen’s Agreement, das doxa, bislang als bloße »Meinung« verspottet, als Dispositiv von prinzipiell gleichrangigen Gewährsleuten gesellschaftsfähig macht – und somit Fakten schafft (vgl. die Rekonstruktion des bereits oben Zitierten am Beispiel von Robert Boyles berühmter Luftpumpe). Ob ein solches Beobachtungsschema oder ein Medium wie Wahrheit durch das Auftreten des Computers in die Mottenkiste gehören oder nicht doch in neue Formen inkorporiert werden wird (wie bei allen vorangegangenen Medienrevolutionen auch), sei dahingestellt. »Disposition« ist nicht wertend, soviel ist Fakt. Das wollte ich übrigens auch Herrn Breitenbach mitteilen. »[A]uch ein Verhältnis von Selbst und Welt – wie auch immer man es auffassen wollte – wird sich performativ Musealisieren lassen müssen.« Transzendentes Ideenschauen oder Deduktion von Gott sind ja auch nicht mehr en vogue… Als eine »Zumutung« würde ich das übrigens nur in jenem Maße bezeichnen wollen, in dem auch jeder kommunikative Akt per se als Zumutung begriffen werden kann. Ansonsten ist das genau mein Punkt, ja. Schön gesagt.

Obligates Postscriptum: Wir sollten bei all den Überlegungen nicht vergessen, dass mit dem Rekurs auf Wahrheit (bzw. Überprüfbarkeit) nur ein extrem begrenzter und idiosynkratischer Auschnitt alltäglicher Kommunikation Gegenstand der Beobachtung ist: nämlich Wissenschaft (bzw. und unter besonderen Umständen: Journalismus). Und am lautesten soll man ja immer über sich selbst lachen können.

#Medium #Netzfunde
02. Oct, 2010

Macht’s gut und danke für den Leviathan

Leviathan

Eine Antwort auf den F.A.Z.-Blogs-Gastbeitrag »Das Internet, ein konstruierter Leviathan?« von Patrick Breitenbach vom 01.10. 2010.

Die Frage nach dem Leviathan (der als Metapher in Anspielung auf die ↳ Schrift Thomas Hobbes’ schlicht und einfach falsch verwendet worden ist), ist bereits andernorts (1/2/3) andiskutiert worden und soll hier nicht Thema sein. Geschenkt. Auch die Reduktionen auf wirtschaftlich bzw. machtpolitisch interpretierte Kritik (»Genau diese Leuchttürme sehen sich aber in ihrer Existenz bedroht«) am neuen Leitmedium ist mir an dieser Stelle egal - obwohl ich denke, dass solche Erklärungsversuche zu kurz greifen. Nach der Lektüre des Beitrags stellt sich mir vor allem die Frage, ob die fast beiläufige Behauptung des Autors haltbar ist, derzufolge wir die Maschinen lenkten – und nicht etwa die Maschinen uns.

Die zugespitzte Formulierung ist vermutlich eine implizite Replik auf kulturpessimistische und neuromystifizierende Artikel, die nahezu alltäglich abgespult werden (zuletzt und besonders unrühmlich: »Denken, wie das Netz es will« von Uwe Jean Häuser in DIE ZEIT 39 vom 23. September 2010, S. 26f., online) und in diesem Kontext sicher ein lobenswertes Unterfangen. Trotzdem (oder gerade deswegen): die bloße Negation dummer Thesen garantiert keine Wahrheit, im Gegenteil. Wer sich zu einer Behauptung wie »Nicht die Maschinen lenken uns, wir lenken die Maschinen« hinreißen lässt, verbreitet meines Erachtens Unsinn. Man lässt dann nämlich unberücksichtigt, dass das Medium (für das Hard- und Software sowie Netzwerk zusammen gedacht werden muss – oder vielleicht noch grundsätzlicher und mit McLuhan: Elektrizität) für die Mehrheit der Nutzer opak bleibt. Das beginnt bei der Architektur der Maschine, setzt sich bei Grammatik und Wortschatz von Programmiersprachen fort und endet nicht bei (potentiellen wie faktischen) sozialen Konsequenzen unreflektierter Nutzung digitaler Technologien. Der Computer bleibt für den Großteil seiner Nutzer eine black box.

Neben dieser ersten, recht schlichten Einsicht in die Unnachvollziehbarkeit der technisch-medialen Basis ist ein weiterer und gewichtigerer Aspekt zu bedenken: dass die Verwendung eines Hauptverbreitungsmediums unausweichlichen Folgen für Struktur und Kultur der Gesellschaft hat (Dirk Baecker). Und unausweichliche Folgen für Kommunikation, Erkennen und Denken seiner Nutzer – Folgen, die als solche nicht wahrgenommen werden müssen, manchmal nicht wahrgenommen werden können. Kurz: Medien und ihr Gebrauch schreiben sich ein, in Historie, Epistemologie, Sinnbildung der Menschheit.

Was bedeutet das für den Artikel von Patrick Breitenbach, der Anlass zu dieser Replik ist? Die Reaktion auf kulturpessimistische und technikfeindliche Positionen sollte m.E. nicht in (zu) einfachen Antithesen bestehen; Begeisterung für ein »neues« Medium darf nicht mit einem tieferen Verständnis eben jenes Mediums verwechselt werden (»verwechselt« im Sinne Spencer Browns, der in seinen »Laws of Form« das Gleichheitszeichen als Verwechslung definiert). Wir sind mit technisch-medialen a prioris konfrontiert und täten gewiß gut daran, die Implikationen der Verwendung eines neuen Leitmediums für Gesellschaft zu reflektieren: also Normierungen von Informationsverarbeitung und ihrer Semantik; der nachhaltigen Formatierung des Sozialen (und als solches soll das umfassende Sozialsystem Gesellschaft verstanden sein). Vielleicht fehlt uns zum gegebenen Zeitpunkt einfach das begriffliche Instrumentarium, um diese Herausforderung zu denken? Muss das »neue« Medium daher immer und immer wieder von bereits etablierten Medien unterschieden werden, sich gegen diese behaupten oder gegen »Diskreditierungsversuche« (Breitenbach) zur Wehr setzen? Man ist versucht an Pubertät zu denken: Das neue Leitmedium hat offenkundig die Phase der Gegenabhängigkeit, wie man im Rückgriff auf die Sozialpsychologie und mit Michael Giesecke formulieren könnte, noch lange nicht verlassen. Noch einmal: Wir haben es hier nicht mit Determinismus zu tun oder linearen Abhängigkeiten. Das Internet ist schlicht und einfach noch nicht erwachsen. Seine Folgen für die Gesellschaft unabsehbar, aber gewiss.

Das Internet »bedroht die gesellschaftliche Ordnung und das kulturelle Niveau« tatsächlich – das ist aber weder »abgrundtief böse« noch ist es uneingeschränkt gut. Das ist zunächst einmal ein Faktum. Wenn sich die Kommunikation bewegt, muss das Denken mit. Der Umkehrschluss gelte gleichermaßen. Jenseits der Binärlogik von Dämonisierung und Euphorie.



Grafik: Ausschnitt aus »Leviathan« von Roberto Padula.

#Netzfunde #medium
28. Sep, 2010

Verständlichkeit

Luhmann

»Wer überhaupt spricht oder schreibt, sollte sich verständlich ausdrücken. Das ist eine auf den ersten Blick einleuchtende Forderung. Denn wozu äußert er sich, wenn er nicht verstanden werden will? Soziologie ist nun aber nicht die Lehre vom ersten Blick, sondern die Lehre vom zweiten Blick. Und auf den zweiten Blick kommen Fragen und Bedenken hoch. Sollte man alles, was gesagt wird, gleichermaßen unter die Knute der Verständlichkeit zwingen? Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe? Verständlichkeit ohne jede Vorbereitung, ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns? Gibt es ein lineares Kontinuum, das von Unverständlichkeit zu Verständlichkeit führt, und auf dem man mehr Verständlichkeit fordern kann? Oder gibt es auf diesem Wege vom Unverständlichen zum Verständlichen auch Abwege, etwa ins Mißverständliche? Gilt vielleicht, daß das Unverständliche nur aufgelöst werden kann durch Steigerung von Verständlichkeit und Mißverständlichkeit zugleich? … Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. Wissenschaftliche Theorien haben einen eigentümlichen Weltstimmungsgehalt, den sie selbst … nicht formulieren, vielleicht nicht einmal wahrnehmen können. Die so unzulänglichen Versuche einer politischen Interpretation der »eigentlichen« Aussage von Theorien zeigen diesen Bedarf nach einer Zweitfassung an, ohne ihn angemessen befriedigen zu können. Vielleicht sollte es statt dessen für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie gehen, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist.« 

(Niklas Luhmann – Soziologische Aufklärung Bd. 3, Opladen 1983, S. 170, 194f.) #Luhmann
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